Allein mit der Angst

Für past forward, die aktuelle Produktion von TANZ Bielefeld, setzten sich die katalanische Choreografin Lali Ayguadé, das Kölner Akrobaten- und Choreografenduo Overhead Project und Chefchoreograf Simone Sandroni mit Gerhard Bohners 1990 uraufgeführtem Werk Angst und Geometrie auseinander. Entstanden sind drei Uraufführungen, die eine Brücke in die tänzerische Vergangenheit schlagen und Verbindungslinien zu den unterschiedlichen Formen des zeitgenössischen Tanzes heute sichtbar machen. Janett Metzger, Dramaturgin und Managerin von TANZ Bielefeld, sprach mit Lali Ayguadé über ihr Stück Those Things That Are Hidden.

Lali, du hast dein Stück Those Things That Are Hidden genannt. Was ist es, das versteckt ist?

Lali Ayguadé: Gerhard Bohners Angst und Geometrie setzt sich mit dem Gefühl der Angst auseinander. Dieses Gefühl findet seine Entsprechung in formelhaften und damit gewissermaßen restriktiven Bewegungen, was dazu führt, dass es für uns nur schwer greifbar ist … Das Innenleben der Figuren ist schwer greifbar. An diesem Punkt habe ich angesetzt und gefragt: Was geht in den einzelnen Figuren vor? Warum fürchten sie sich? Und: Wie gehen sie mit der Furcht um? Das, was bei Gerhard Bohner hinter der Form, oder – wie er es nennt – der Geometrie, verborgen bleibt, wollte ich in meinem Stück nach außen kehren.

Was für einen Umgang finden die Figuren mit ihrer Angst?

In meinem Stück sind die Tänzerinnen und Tänzer ständig auf der Suche nach etwas – etwas, das ihnen Halt und Stabilität bietet angesichts der Unsicherheit, die sie erfahren. Eine zentrale Bedeutung kommt hierbei der Gemeinschaft beziehungsweise unterschiedlichen Formen der Gemeinschaftlichkeit zu. Die Choreografie ist durchsetzt von rituellen und Glaubenshandlungen. Häufig kommen auch, wie in Angst und Geometrie, Schrittfolgen vor, die an traditionelle Tänze angelehnt sind. Die Bezüge zur Folklore haben mich an Gerhard Bohners Stück besonders inspiriert.

In der Folklore löst sich das grundlegende menschliche Bedürfnis ein, sich anderen mitzuteilen, verstanden und auch erwidert zu werden. Nicht das individuelle, sondern das gemeinsame Erleben steht im Vordergrund, das Menschen emotional aneinander binden und ein Gefühl von Zugehörigkeit stiften kann.

Those Things That Are Hidden (Foto © Joseph Ruben)

Hast du dich in anderen choreografischen Arbeiten bereits mit Folklore auseinandergesetzt?

Nachdem der Kreationsprozess von Those Things That Are Hidden in Bielefeld abgeschlossen war, habe ich zusammen mit der Mallorquinischen Sängerin Joana Gomila im Auditorium in Barcelona eine Live Performance zum Thema Folklore gestaltet. Ein Zufall, dass diese beiden Projekte unmittelbar nacheinander stattfanden! Wir spielten traditionelle Gesänge ein, die wir zuvor in den Straßen von Barcelona aufgenommen hatten. Die Echtheit der Gefühle hat mich so berührt, dass ich auf der Bühne anfangen musste zu weinen!

In meiner Arbeit als Tänzerin spielte Folklore ebenfalls eine Rolle. Von 2003 bis 2011 war ich Mitglied der Kompanie von Akram Khan in London. Er besitzt einen unverwechselbaren choreografischen Stil, der zeitgenössischen Tanz und indischen Kathak verbindet, jene Tanzform, mit der Akram Khan in jungen Jahren aufwuchs.

Zurück zu deiner Choreografie: Die Figuren suchen Halt in der Gemeinschaft, finden diesen aber, wenn überhaupt, nur für einen kurzen Moment. In einer Szene stehen sich ein Tänzer und eine Tänzerin gegenüber. Er glaubt, in ihr ein emotionales Gegenüber gefunden zu haben. Sie erwidert seinen Blick, scheint ihm zugewandt. Plötzlich aber kehrt sie ihm den Rücken. In letzter Konsequenz tritt der Tänzer hoffnungsvoll ans Publikum heran – von seiner Angst kann ihn jedoch niemand befreien. Ist dies ein pessimistisches Gegenwartsszenario, in dem jeder auf sich selbst gestellt ist?

Meine Intention war es nicht, unsere heutige Gesellschaft abzubilden. Vielmehr zeige ich einen kleinen Ausschnitt daraus – Menschen, die »anders« sind, sich deshalb nicht öffnen und allein mit ihren Gefühlen, ihren Ängsten bleiben. Für mich besitzen diese Menschen eine außergewöhnliche Stärke und insofern sehe ich in diesem düsteren Szenario auch etwas sehr positives.

Reden wir über den Einsatz der Stimme in deinem Stück. Neben ihren Muttersprachen lässt du die Tänzerinnen und Tänzer auch eine Fantasiesprache benutzen, die wir zwar nicht verstehen, die uns aber nicht minder bedeutungsvoll erscheint. Welcher Gedanke steht hinter dieser künstlerischen Entscheidung?

Mit dem Medium der Sprache zu arbeiten lag nahe, da es mir ein Anliegen war, die Figuren buchstäblich zu Wort kommen zu lassen. Relevant sind in meinen Augen nicht die konkreten Inhalte des Gesagten, sondern die Emotionen dahinter. Diese transportieren sich über Fantasiesprachen genauso wie über reale Sprachen. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass semantisch aufgeladene Worte hinderlich sein können, wenn man jemand anderem seine Gefühle schildern möchte. Ein Wort hat nie nur eine Bedeutung. Es kann vielfach aufgefasst und in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich interpretiert werden. Nur, weil zwei Menschen dieselbe Sprache sprechen, heißt es nicht automatisch, dass sie einander auch verstehen! Der Einsatz der Stimme ist in meinem Stück auch eine wichtige Ergänzung zur Musik. Häufig verschmelzen die beiden Elemente zu einem dichten Klangteppich, der den Bühnenraum atmosphärischen auskleidet.

Those Things That Are Hidden (Foto © Joseph Ruben)

Apropos Raum: Gerhard Bohner ließ sich bei der Konzeption seines Stücks von dem deutschen Dramatiker Heiner Müller inspirieren. Dieser stellte bei einem Podiumsgespräch in Montpellier im Sommer 1990 die These auf, dass Theater immer am Schnittpunkt von Angst und Geometrie entstehen würde. Welche Bedeutung hat in Those Things That Are Hidden die Geometrie?

Mit tänzerischen Formen gehe ich freier als Gerhard Bohner um, nicht zuletzt um die Individualität der auftretenden Figuren zu unterstreichen. Die räumliche Anordnung der Choreografie ist ebenfalls freier. Aber auch, wenn geometrische Prinzipien bei der Stückentwicklung eine untergeordnete Rolle spielten, bin ich sehr überlegt vorgegangen, als ich die Bewegungen platzierte. Die Auseinandersetzung mit Gerhard Bohner hat mein Bewusstsein für den Raum geschärft, ebenso wie die Möglichkeiten, ihn choreografisch zu nutzen.

Alle Informationen und Tickets zu past forward sowie dem umfangreichen Rahmenprogramm gibt es hier.

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