Charlottes Erinnerungen

Als ich an meinem ersten Praktikumstag mit in die Konzeptionsprobe für die am Samstag startende Oper Charlotte Salomon gehen durfte, war ich von zwei Beiträgen sofort fasziniert. Zum einen die Erläuterungen der Regisseurin Mizgin Bilmen zu ihrem Regiekonzept für die Oper und zum anderen von den Erklärungen über Charlotte Salomon selbst, die Dramaturg Jón Philipp von Linden einbrachte.

Selbstportrait Charlotte Salomon Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam © Charlotte Salomon Foundation Charlotte Salomon® www.jck.nl
Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam © Charlotte Salomon Foundation Charlotte Salomon® www.jck.nl

Es mag daran liegen, dass Charlotte im Großteil des Stückes in einem ähnlichen Alter ist, wie ich es selbst bin, aber mich faszinierten die Geschichten über sie sofort und ich nahm mir vor, mehr über sie zu erfahren. Als ich dann den Roman Charlotte von David Foenkinos über sie und ihr Leben las, wurden mir weitere Parallelen zu ihr bewusst, die mein Interesse an ihrer Lebensgeschichte möglichweise erklären. Trotz der vielen Jahrzehnte, die seit Charlottes Tod vergangen sind und trotz der Unterschiedlichkeit unserer Lebenssituationen, scheinen viele Frauen Anfang/Mitte zwanzig sich auch heute noch mit der Frage zu beschäftigen »Wer bin ich eigentlich und was hat mich zu dazu gemacht?«. In unserem Alter scheint das durchaus eine Frage, die einen immer wieder einholt, ganz besonders, wenn die familiäre Situation nicht die klassische Form hat. Durch das Fehlen eines Elternteils in den Lebensjahren, in denen man sich charakterlich weiterentwickelt, stellt man sich oft die Frage, woher kommt diese Eigenschaft und woher jene. Hinzu kommt, dass umso mehr Lebensjahre vergehen, umso mehr verblasst das Bild des nicht mehr teilhabenden Elternteils. Die Erinnerungen werden undeutlicher und werden lediglich durch die Erzählungen anderer Familienmitglieder, die die Situationen bewusster miterlebt haben, oder durch Fotos aufrechterhalten. Was tatsächlich die eigene Erinnerung ist und was die der Anderen, lässt sich kaum noch trennen. Zudem entscheidet, Daniel Schacter (amerikanischer Professor für Psychologie) folgend, hauptsächlich »was uns in der Vergangenheit zugestoßen ist […]« darüber, »was wir aus dem Strom der alltäglichen Ereignisse herausgreifen und behalten«. Das bedeutet besonders für Charlotte, dass ihre Erinnerungen maßgeblich durch die Schicksalsschläge in ihrem Leben geprägt worden sind, zum Beispiel die Reihe von Selbstmorden in ihrer Familie, die auch ihre Mutter einschließt, die erfahrenen Demütigungen seit der Machtübernahme des NS-Regimes sowie ihre unglückliche Liebe zum Gesangslehrer ihrer Stiefmutter.

Sie beschäftigt sich in ihren Jahren im Exil überproportional mit ihrer Vergangenheit und versucht diese in ihrem Werk, das als Grundlage für die Oper fungiert, aufzuarbeiten und verspürte einen enormen Drang, ihr Leben festzuhalten. Sie manifestierte ihre Vergangenheit und damit ihr Leben regelrecht in ihren Gouachen. Dabei hält sie ihre ganz eigenen Erinnerungen fest, die gefärbt sind durch ihre subjektiven Gefühle und getränkt mit den Ergänzungen, die von ihren Familienmitgliedern eingebracht wurden. In Schacters Worten: »Erinnerungen halten fest, wie wir Ereignisse erlebt haben, sie sind keine Kopien der Ereignisse«. Diese Zusammensetzung möchte die Oper, die am Theater Bielefeld ihre Deutsche Erstaufführung feiert, im Aufbau der Inszenierung aufzeigen und verdeutlichen.

Mizgim Bilmen hebt mit ihrer Inszenierung mittels Multimedialität den Erinnerungsaspekt hervor. Es werden zusätzlich zu dem Spiel der Darsteller, dem Bühnenbild und der Musik, Videoeinspielungen genutzt. Diese sollen die Bühnenhandlung flankieren, so Dramaturg Jón Philip von Linden. Sie fungieren für den Zuschauer wie eine Brille, mit der sie in Charlottes Erinnerungen und Gefühle eintauchen können. Eine weitere Besonderheit der Inszenierung ist die Verwendung von Live-Aufnahmen. Mit diesem Mittel wird die Möglichkeit eröffnet, dass sich zusätzlich zur zentralen Bühnenhandlung auch die anderen Figuren mit Kommentaren zu dieser gerade gezeigten Erinnerung äußern können und so wiederum den Zuschauern die Ebenen der Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen werden. So wird die mögliche Differenz, die zwischen den subjektiven Erinnerungen entstehen kann, offensichtlich.

Bilmens Inszenierung lässt in ihrem gesamten Erscheinungsbild einen Erinnerungsraum von Charlotte Salomon entstehen, in den wir Zuschauer für einen Abend eintauchen können und Charlotte besser kennenlernen dürfen. Ich bin schon sehr gespannt, ob mein Bild von Charlotte und ihrem Leben, das ich mir aus dem Roman gebaut habe, durch den entstehenden Erinnerungsraum der Oper verändert oder ergänzt wird.

von Anna-Marie Schubert

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