Der Kampf um die Liebe, das Land und die goldene Zukunft.

Der Regisseur Tim Hebborn im Gespräch über die Uraufführung Annie Ocean von Mario Salazar

Die meisten von Mario Salazars Stücke sind eine Herausforderung für das Theater. In unserem Fall verwebt er eine Ménage-à-trois – die Protagonistin Annie Ocean steht zwischen zwei Männern – mit einer komplexen Westernhandlung: Da greifen zum Beispiel 100 bis an die Zähne bewaffnete Cowboys ein Apachen-Lager an. Wie ging es dir bei deiner ersten Lektüre des Stückes?

Tim Hebborn: Wie ging es mir beim ersten Lesen? Ich dachte, ja, das ist wirklich spannend, aber wie zum Teufel soll man das umsetzen, denn Annie Ocean erscheint wie ein Film. In erster Linie gilt das natürlich für die sehr ausführlichen und in Prosa geschriebenen Westernpassagen; aber auch die TB_AnnieOcean_02Ebene, in der Annie sich sozusagen in der Realität befindet und der Alltag sie überrollt, funktioniert, durch die fragmentarischen Schreibweise, die vielen Ellipsen, die Zeitsprünge, wie eine filmische Montagetechnik. Es gibt lauter aneinandergeschnittene Bilder und im Kopf setzt sich das Ganze dann wunderbar zu einer Geschichte, zu Annies Leben, zusammen.

Dazu kommt, dass die Figuren in ihrer Rede gelegentlich unversehens von der ersten Person in die dritte Person springen –

– und das zunächst ohne ersichtlichen Grund; die Wendung macht sie nicht klüger, sie werden nicht zu auktorialen Erzählern, sie bleiben in ihrer Welt und entkommen ihren Problemen nicht, im Gegenteil.
Die Grundsituation des Stückes ist ja, dass sich die Hauptfigur Annie Ocean, immer wenn ihr das echte Leben über den Kopf wächst, vor den Fernseher in die Wohnung ihres verstorbenen Vaters flüchtet und dessen alte Wildwestfilme schaut. Diese Geschichten vermischen sich dann mit ihrer eigenen Lebensrealität. Sie taucht in diese Welt ein und das, was sie in ihrem richtigen Leben nicht ertragen kann, wird in ihrem Western romantisiert; alles ist aufregend, heroisch, leidenschaftlich. Es gibt den Helden und den Antihelden, den Kampf um die Liebe, den Kampf um das Land und den Kampf um eine goldene Zukunft.

Bevor du mit dem Regiestudium in Bochum angefangen hast, warst du lange Zeit erfolgreich als Frontmann einer Hip-Hop-Band unterwegs.

Ja, ich habe das im ersten Jahr an der Folkwangschule noch weiter verfolgt, aber dann kam ich an den Punkt, an dem ich mich entscheiden musste: Mache ich zwei Dinge zu 50 Prozent oder eben eine Sache richtig – da habe ich mich für das Theater und das Regiestudium entschieden.

Nimmt das dennoch Einfluss auf deine Arbeit als Regisseur?

Auf jeden Fall. Allerdings nicht in dem Sinne, dass ich in jedes Stück Rap und Hip Hop einbaue – zumal ich sehr selten auf der Theaterbühne erlebt habe, dass das wirklich cool ist. Aber jetzt, gerade in Bezug auf Annie Ocean und die Herausforderung, dieses originelle Stück auf die Bühne zu bringen, hilft mir das.
Salazars Text erscheint teils wie ein Trommelfeuer, Monologe kommen daher wie Schlagzeugrhythmen. Bei den Proben haben wir recht schnell gemerkt, dass man dieser musikalischen Struktur und dem Rhythmus, den Salazar eingeschrieben hat, am beTB_AnnieOceansten folgt und nicht versucht, das Ganze in eine realistische Handlung oder Figurenpsychologie zu pressen. Damit würde man das, was den Text speziell und unkonventionell macht, kaputt machen. Diese Musikalität, die in dem Stück steckt, ist mir sehr nahe und die versuche ich natürlich herauszuarbeiten und zu vergrößern. Musik spielt in dieser Arbeit eine wichtige Rolle.

Das betrifft ja vor allem die Westernpassagen.

Genau, gerade weil diese Teile wie ein Film wirken, bin ich nicht auch noch daran interessiert, sie als Film zu zeigen. Wir wollen mit Musik und Spiel den Western und diese spezielle Atmosphäre schaffen. 100 Cowboys auf 100 Pferden, die ein Apachen-Lager angreifen, kann man – und auch mit nur drei Schauspielern – so auf jeden Fall in den Köpfen der Zuschauer erzeugen. Wir sind ja gerade erst in der dritten Probenwoche, aber sicher ist, dass es, wie in jedem guten Western, am Ende zum großen Showdown kommen wird.

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