Der Kampf ums ICH »extra«

wir sind viele – und viel (mehr) steckt hinter jedem Einzelnen! Von headbangenden Mezzosopranen und trinkaffinen Assistentinnen …

Die Opernsparte des Bielefelder Theaters beherbergt eine ausgewogene wie sehr qualitative Mischung an Sängerinnen und Sängern, die – betrachtet man sie in ihrem genuinen Wirkungsfeld – offensichtlich eine große Affinität zur klassischen Musik besitzen, in dieser arbeiten und aufgehen. Im täglichen Arbeiten und vor dem Hintergrund des Werdens von Opern- und Konzertabenden liegt die Vermutung nahe, dass für jedwede Form nicht-(hoch)kultureller Beschäftigung keine Zeit bleibt; beinahe aufopfernd für die Becker_Foto von Ottendörfergroße Liebe zur Oper studieren, proben, performen, verbessern, lehren und lernen die SängerInnen, um dem Publikum das Bestmögliche zu bieten, die stimmliche und darstellerische Ganzheit, die neue Einheit von echtem Individuum und fiktiver und wie im Moment des Erfahrens gleichsam gelebter Rolle. Die künstlerische Masse von Solisten, Chor und Orchester – verstärkt durch die vielen fleißigen Menschen hinter und neben der Bühne – bildet das sogenannte WIR der musiktheatralen Genese, zieht am Strang der Produktion und schlussendlich an der Behauptung und unbedingten Rechtfertigung des Theaters als Ort und extraordinäre Form der Kommunikation, des gemeinsamen Seins und auch kollektiven Loslassens. Gräbt man nur ein wenig tiefer, wendet man sich für kurze Augenblicke vom kollektiven Schein des Ganzen ab, treten spannende wie ungeahnte Eigenarten zum Vorschein, über die es sich zu reden lohnt, die einer genaueren Betrachtung bedürfen und die den Künstler in ein anderes, wahrhaftigeres und genauso menschlicheres Licht rücken. Diese individuellen Wege des Einzelnen sollten, so sehe ich das mit einer gewissen Bestimmtheit, durchaus den geneigten Zuschauern zugänglich gemacht werden – natürlich im Rahmen einer der Privatsphäre angemessenen Ausführlichkeit. Multikulturelle Vielfalt im Ensemble schön und gut, das Mit- und Beieinandersein fein und gemeinschaftlich vorgelebt, das gemeinsame Wirken an Kunst und Kommunikation bestens und stets im Kontext des gemeinsamen Bedürfnisses nach Wahrung der Kultur und im gleichen Maße Förderung einer neuen, anderen, modifizierten. Doch ein Blick durch das Mikroskop lohnt sich und so hat sich bereits vor vielen Jahren ein kleines Format im intimen Ambiente des Lofts generiert, in welchem WIR von der Masse auf den Einzelnen herunterbrechen, wo jeder Künstler – gleich ob auf, hinter, über, unter oder weit weg von der Bühne – er selbst sein darf, Einblicke gewährt, die selbst Kollegen manchmal mehr als überraschen, und darüber hinaus noch ein (meist alkoholisches) Lieblingsgetränk sich selbst und dem Publikum offenbart, angereichert mit der musikalischen Top 8 seines Lebens. Hört sich wild an? Ist es auch!

Mal weg vom kollektivistischen Überbau und hin zum hedonistischen, gefühlvollen und einzigartigen Wesen, das lacht, trinkt, seine ganz eigenen Geschichten erzählt, in kleine Abgründe blicken lässt oder auch die eine oder andere Utopie fürs ICH oder fürs große WIR verrät.

Und so gestaltete sich das Comeback unserer Oper legt auf …-Reihe gleich als unglaubliche Erfahrung: Wussten Sie, dass Mezzosopranistin Nohad Becker zu Songs von Coldplay oder The Killers (Nomen est omen) gern die Headbangerin gibt, sich politisch (und das in Verbindungen mit ihrer Kunst) engagiert, sich mit Flüchtlingsproblematik, Ausgrenzung und Heimatgefühl in gleicher Weise auseinandersetzt … und zudem noch eine starke Affinität zu Gin Tonic mit Zitrone besitzt? Oder dass die Assistentin des Intendanten Julia Brüchner-Hüttemann sich mit einem übergroßen Schalentier im Büro anfreundete, manchmal nicht ohne Mexikaner leben kann, von einem Häuschen in Kentucky träumt und sie, liebe Leser, sich im Straßenverkehr gut umschauen sollten, wenn die liebenswürdige Assistentin sich wieder ans Steuer setzt?

Das sind einige der kleinen Geheimnisse, von denen wir nie erfahren würden, die sich erst durch die winzigen wie kurzen Blicke durchs persönliche Schlüsselloch preisgeben und die uns eine Einzigartigkeit der Menschen, der ICHs offerieren, die das gelebte WIR erst zu einem wahren WIR erheben.

Darum kann der Glaube an dieses große WIR nur ein heterodoxer sein, ein befrag-, widerleg- und diskutierbarer! Doch das ist ein Thema, mit welchem WIR uns an anderer Stelle auseinandersetzen wollen.

Bleiben wir bei der Schönheit des Augenblicks und werfen noch einen kurzen Blick auf die Lieblingssongs der o. g. Damen:

a) Julia Brüchner-Hüttemann:

The Turtles – Happy Together (1967, Album: Happy Together)

Ruby Friedmann Orchestra – You’ll never leave Harlan alive (2014, Single)

Die Ärzte – Kopfüber in die Hölle (1993, Album: Die Bestie in Menschengestalt)

Roxette – Sleeping In My Car (1994, Album: Crash! Boom! Bang!)

Comedian Harmonists – Schöne Isabella von Kastilien (1932, Single)

Matthias Reim – Verdammt ich lieb’ Dich (1990, Single Verdammt, ich lieb‘ Dich / Maskenball)

AC/DC – Hells Bells (1980, Album: Back in Black)

Take That – Never Forget (1995, Album: Nobody Else)

Bonnie Tyler – Total Eclipse of the Heart (1982, Album: Faster Than the Speed of Night (1983))

b) Nohad Becker:

Bosse – Schönste Zeit (2013, Album: Kraniche)

The Killers – Mr. Brightside (2004, Album: Hot Fuss)

Imogen Heap – Just for Now (2004/5, Album: Speak for Yourself)

Bloc Party – So Here We Are (2005, Album: Silent Alarm)

Wallis Bird – The Circle (2007, Album: Spoons)

Ingrid Michaelsen – Open Hands (2014, Album: Lights Out)

Adele – Hometown Glory (2007, Album: 19)

Coldplay – Yellow (2000, Album: Parachutes)

Viel Vergnügen und einzigartige Erlebnisse beim NACHhören, NACHklingen und bei all den anderen NACHwehen des Abends! Ergo bibamus!

Hat dir gefallen, was du gelesen hast?