Die Suche nach dem richtigen Maß

zuerst erschienen im Magazin Die Deutsche Bühne // von Céline Karow, Brit Dehler, Doğa Gürer, Alrun Hofert

… und dann fanden wir uns zusammen – die Bühnenbildcrew: Kapitänin Karow, General Gürer, Admiralin Alrun und Baller Brit.

»Wollte ich immer schon mal machen.« – »Eigentlich wollte ich ja bauen.« – »Völliges Neuland, aber egal.« – »Ich hab Lust, das mit Euch zu machen.« – »Keine Ahnung, für was ich mich sonst eintragen könnte.«

v.l.n.r. Alrun Hofert, Céline Karow, Brit Dehler, Doğa Gürer (© Gernot Kaspersetz)

Wir hatten eine Riesenaufgabe vor uns: 2 Bühnenbilder entwerfen. Schon geht es los, irgendwie gespannt, vorfreudig, aber vor allem erstmal: überfordert. Ein Tag vorher. Die PrevolutionärInnen versammeln sich im Prevolutionsraum. Die Gruppe sprudelt nur so vor Ideen und Aufgaben an uns: Von einem Pool über eine Laserstrahleninstallation bis hin zu von der Decke runterhängende Pilze ist alles dabei. Die beiden Bühnen sollen viele spielerische Möglichkeiten geben, bombastisch aussehen und irgendwie miteinander verbunden sein. Das Bühnenbild muss auf wie viel Quadratmeter Lagerfläche verstaubar sein? Es muss rasch auf- und abbaubar sein … Wir notieren alles und siehe da: Die Liste ist verdammt lang.

Wie werden wir unseren KollegInnen gerecht und schaffen ein ästhetisch tolles Bild, mit dem alle zufrieden und in das möglichst alle Ideen eingeflossen sind? Was für eine Mammutaufgabe. Und es gibt immer noch keinen Text! Aber auf einen Text zu warten ist nicht möglich, denn die Zeit drängt! Modellpräsentation ist schon in 6 Wochen!

Wir beschließen: Wir machen einfach eine erste Setzung. Schauen, worauf wir Vier Lust haben und lassen die Ideen der anderen wild mit einfließen. Wir versuchen, dem ganzen Prozess der Stückentwicklung vom Bühnenbild ausgehend einen Schubs zu geben. Wir planen: eine bombastische Installation im ganzen Theatergebäude. Wir wollen den/die ZuschauerIn durch das Haus führen. Wir stellen uns vor: Das gesamte Theater ist ein Raumschiff und in den verschiedenen Räumen gibt es Unterschiedliches zu erleben.

Nach einem langen Diskussionsnachmittag sind wir erleichtert und froh: Die Bühnenbildcrew ist sich einig und voll überzeugt von der Idee!

Wir berichten beim nächsten Prevolutionstreffen euphorisch von unseren Plänen. Doch das erwartete »Wow…!!« bleibt aus. Wir haben den Geschmacks-Nerv der anderen PrevolutionärInnen nicht getroffen. Sie wollen keinen Parkour durchs Theater. Es soll bei den zwei Räumen bleiben. Okay. Gut. Also von neuem. Aber wo anfangen?

Zum Glück stellt in der darauffolgenden Sitzung die Schreibgruppe ihren ersten Text und das Konzept des Stückes vor: Das Material werden wir selbst und unsere Treffen sein. Es soll um eine Gruppe von Menschen in einem Raumschiff gehen, die sich auf dem Weg zu einem anderen Planeten befindet.

Und in unseren Bühnenbildcrewköpfen rattert es nun befruchtet wieder von neuem los. Uns erreicht eine nächtliche SMS der Schreibgruppe: Das Stück erfordert eine Art »Workspace«. Ein Tisch. Sessel. Einen Isolierkasten zum Wütend-Sein. Okay. Wir recherchieren verschiedene Versammlungsräume: Bundestag, House of Commons, Stonehenge, Thing in Island, Sauna, Lagerfeuer, der Rat der Jedi usw.

Nur was wird der zweite Raum sein?

Gleichzeitig sind wir alle im Stress: Wir proben ja weiterhin in unseren regulären Produktionen. Wir finden nur wenig Zeit, um uns zu treffen. Und irgendwie kommen wir nicht weiter. Wir suchen nach Materialität. Nach Ästhetik. Uns inspiriert der Kontrast zwischen Natur versus Technik/Futurismus versus Künstlichkeit. Wir schicken uns Bilder zu, feiern Geburtstage und diskutieren lange und intensiv über unsere Ideen. So langsam gehen wir uns auf die Nerven.

Dann die erleichternde Nachricht aus der Schreibgruppe: Wir brauchen nun doch nur einen Raum!

»Okay, Leute, komme was wolle! Heute wollen wir wirklich eine Entscheidung treffen.« Und als wir schon völlig übermüdet in den Seilen hängen, fällt es uns wie sechseckige Schuppen von den Augen – es sind Waben! Wir sind doch seit einem Jahr wie fleißige Arbeitsbienen, die an diesem Projekt rumbasteln. Lasst uns das zum ästhetischen Thema machen! Und plötzlich flutscht es in unseren Köpfen: Wir beschließen, drei deckenhohe Wände zu bauen, die in große Waben unterteilt sind, in die man sich reinsetzen können soll. Es ist etwas zwischen Naturform und Künstlichkeit.

Wir sind wieder euphorisch, aber die anderen PrevolutionärInnen auch?

Und siehe da … wir werden bejubelt! Bei der nächsten Sitzung wird unser Vorschlag angenommen!

Modellpräsentation (© Gernot Kaspersetz)

Und nun konkret werden! Und es zeigt sich wieder: 4 verschieden ästhetische Blicke zu einen ist gar nicht so einfach. Zum Beispiel die Höhe der Waben. Die geniale Idee: »Lasst uns die PrevolutionärInnen selbst als Maß nehmen!« Die Hälfte der durchschnittlichen Körpergröße ergibt genau den perfekten Wert. Es sind 86 cm. In mühevollster Kleinstarbeit bastelt die Hälfte der Crew ein Modell, während die andere Hälfte in Endproben steckt. Mathematik, Geodreieck und Dreikantlineal werden unsere besten Freunde.

Modellpräsentation. Wir sind aufgeregt. Wie viel von unseren Plänen ist möglich? Welche Darlings müssen wir killen? Wieder ganz neue Herausforderungen. Wir werden damit konfrontiert, wie aufwendig unsere Konstruktion ist: viel Material, viel Zeit für den Auf- und Abbau. Weitere Diskussionen. Kompromisse finden. Wo reduzieren, ohne an Substanz einzubüßen? Ausgaben kalkulieren? Wir sind froh über die tatkräftige Hilfe, die uns zuteil wird und lernen die Werkstätten und ihre Arbeit neu kennen. Erstmal die Bauprobe abwarten. Erschlägt uns unsere Idee und müssen wir wieder von vorne anfangen? Zum Glück nicht. Die Bauprobe wird toll und bestätigt uns in unseren Ideen.

An diesem Punkt sind wir jetzt. Das Gerüst steht. Viele Detailfragen sind noch offen. Aber eines hat sich die BühnenCrew fest vorgenommen: Nicht die Mehrheit entscheidet, sondern wir probieren so lange aus, bis wir Vier einverstanden sind.

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