Ein kranker Vogel singt nicht.

Im Gespräch mit Sopranistin Sarah Kuffner

Bei einer Oper, die nach ihrem Protagonisten benannt ist, wäre es naheliegend, seinen Darsteller vorzustellen. Und der überragende Tenor István Kovácsházi wäre sicherlich ein spannender Gesprächspartner gewesen. Doch völlig egoistisch habe ich beschlossen, der Rolle von Elisabeth auf den Grund zu gehen, denn sie ist für mich die große Überraschung in Biganzolis Inszenierung von Tannhäuser. Eine einzige Frau zwischen einer Übermacht an Männern, die sie formen, über sie bestimmen oder besitzen wollen. Doch in Biganzolis Inszenierung ist diese Elisabeth keine Heilige, kein stummes, passives Opfer, sondern eine Frau, die auf ihrer Selbstbestimmung besteht, die Kraft aus dem Widerstand zieht. Über diese Frau wollte ich mehr wissen.

An Wagner scheiden sich die Geister: Entweder man liebt oder hasst seine Sarah Kuffner_(c)_Daniel PatakyOpern. Für Sarah Kuffner war schon mit fünf Jahren, nachdem sie ihre erste Aufführung der Götterdämmerung gesehen hatte, klar, auf welcher Seite sie stehen würde. Ein großes Glück für sie, dass sie das Stimmfach der Wagner-Heroinen perfekt bedient. Klar, dass sie sich über die Chance, mit Elisabeth eine der gesanglich abwechslungsreichsten und auch anspruchsvollsten Wagner-Partien singen zu dürfen, freute. »Ich mag es nicht, wenn Figuren so klar und eindeutig sind. Dann bleibt kein Raum für Entwicklung und Identifikation«, erzählt Sarah mir. Doppelt Glück also: Biganzoli hält ebenfalls nichts von einseitigen Figuren und unterstützte Elisabeths »Verwandlung«.

In den Proben wurde rasch klar, dass die Partie mit ihren Wechseln zwischen lyrischen und dramatischen Passagen hohe Flexibilität von ihr fordern würde. Darüber hinaus war Biganzolis Vision aber auch körperlich anstrengender als alle Inszenierungen, an denen Sarah bislang mitwirkte. Sie musste das Gleichgewicht zwischen genug spielerischem Ausdruck im gehetzten Wesen der Elisabeth und der Konzentration auf die gesanglich schwierigen Passagen halten. »Ich mag kein Rampentheater, gleichzeitig kann ich aber auch nicht um Atem ringen auf der Bühne.« Es wurde ein Herantasten und Ausprobieren, wie viel durfte sie wo geben, ohne dass Spiel oder Gesang darunter litten? Zunehmend wird mir bei ihren Ausführungen deutlich: So ein Wagner-Opernabend ist Leistungssport. Technik, Fitness, Mut, Talent, innere Stärke – hier muss alles ineinandergreifen. Bis zur letzten Probe war Sarah nicht 100%ig zufrieden mit sich, aber letztlich hat das Adrenalin in der Premiere über letzte Zweifel hinweg geholfen. »Da hat es das erste Mal perfekt geklappt, ich konnte einfach nicht mehr nachdenken, nur singen.«

Während der intensiven Probenphasen ist kaum Zeit für Freizeit. Und ich verstehe den Wunsch, sich mit aller Kraft in eine Aufgabe zu stürzen, nach dem Tannhäuser habe ich mich aber gefragt: Wie gesund ist es eigentlich, sich über Wochen mit einer Frau wie Elisabeth zu identifizieren? »Ich verliere mich wirklich leicht in meinen Rollen, was nicht immer gut ist«, räumt Sarah ein und denkt nach. Ja, Elisabeth sei eine besondere Herausforderung: Sie musste Wege finden, Elisabeths Schicksal nur in den Proben und für die Aufführungen ihres werden zu lassen, sich in der Freizeit aber bewusst davon abzugrenzen. Biganzolis Inszenierung führt die Darsteller an Grenzen, stößt sie auf realistische Gefahren und greift so schnell ins eigene Leben ein. »Da musste ich mir immer wieder vor Augen halten: Das ist nicht mein Leben, mein Leben ist schön.« Sarahs Leidenschaft für Wagner machte es darüber hinaus auch für jede einzelne Vorstellung wichtig, das richtige Maß an Abstand zu wahren. Gerade wenn die Musik sie schon als Unbeteiligte sehr bewegt, wird es als Darstellerin zusätzlich schwierig, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten. »Und man singt nicht besonders gut, wenn man heult«, lacht sie. »Deshalb habe ich mir mit Korrepetitor Adam Laslett und meinem Freund Daniel Pataky immer wieder alberne Geschichten ausgedacht, um mich abzulenken, vor allem für den 3. Akt. In einer Probe habe ich sogar in Gedanken meinen Einkaufszettel gemacht.« Eine Patentlösung kann sie zwar nicht anbieten, aber der Austausch mit Kollegen und Freunden habe es leichter gemacht, sich nicht in der Situation zu verlieren. »Ich brauche den Raum für Freizeit und Privates, sonst fehlt mir die Energie, meiner Rolle immer wieder Neues zu geben. Und überhaupt muss man für diesen Beruf auf sich aufpassen. Meine Mutter hat mich früh gewarnt: Ein kranker Vogel singt nicht.«

Während Sarah erzählt, wird mir immer klarer, wie viel wir (das Publikum) über die Figuren nachdenken und wie wenig über die Menschen dahinter. Das ist natürlich während einer Aufführung auch gut und richtig so, die Illusion funktioniert. Kritiker sollten die Inszenierung bewerten und können nicht nur verständnisvoll kommentieren. Aber – ob Publikum oder Kollege – wir schätzen vielleicht nicht oft genug die große persönliche Anstrengung der Sänger, Schauspieler, Tänzer, die uns den Abend gestalten. Kein Premierenbesucher wird gemerkt haben, dass Sarah sich »so ganz nebenbei« auf ein weiteres Großprojekt vorbereitet hat. Kuffner_CDIm 9. Kammerkonzert – zwei Wochen vor der Premiere – gestaltete sie mit Adam Laslett einen Liederabend, der für eine CD aufgenommen werden sollte. »Es war ziemlich verrückt«, gibt sie lachend zu. »Man funktioniert dann aber irgendwie.« Sie stockt und denkt kurz nach. Jede Menge gelernt habe sie in diesen Wochen, sowohl durch schöne als auch schwierige Erfahrungen. Das Ausreizen und Erkennen von Grenzen gehöre dazu und sie konnte für Biganzolis Inszenierung schließlich auf ihre Erfahrungen aus vorherigen Produktionen, ganz besonders aus Brittens Peter Grimes (Spielzeit 11/12), zurückgreifen. »Elisabeth zu singen und zu spielen, verlangt mir technisch und emotional viel ab, aber ich genieße es. Ich bin für den Tannhäuser erwachsen geworden.«

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Ein Kommentar:

  1. Sehr interessanter Artikel. Wir gehen gerne in die Matineé oder auch Soireé zu einem Stück um mehr über die Hinter- und Beweggründe zur Inszenierung zu erfahren.

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