»Ein Tänzer wird man nicht, ein Tänzer ist man«

Interview Saskia Homann, Karoline Mertens, Maria Haus

Wer hat nicht schon mal davon geträumt, sein Hobby zum Beruf zu machen? Für die Kunst zu leben? Im Mittelpunkt einer riesigen Bühne stehen? Saskia (14) und Karoline (17) von der Theaterballettschule sind ihrem Traum nun ein ganzes Stück näher gekommen: beide wurden an namhaften Kunsthochschulen angenommen. Saskia beginnt im August ein Vorstudium an der international geachteten Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim und Karoline beginnt im Herbst den Bachelor Tanz an der renommierten Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Ich habe mit den beiden und mit Frau Haus, die die Theaterballettschule schon seit 1998 leitet, gesprochen.

Tabea Mewes (T.M.) Warum wollt ihr Tänzerinnen werden?

Saskia Homann (S.H.) Mir macht es einfach so viel Spaß, zu tanzen, und ich finde auch das Gefühl toll, sich komplett auspowern zu können. Und auf der Bühne zu stehen, ist einfach immer wieder ein tolles Gefühl.Ballettschule_Karoline

Karoline Mertens (K.M.) Ich kann mir im Moment überhaupt nicht vorstellen, nicht zu tanzen. Das Auspowern auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch der kulturelle Aspekt, sich mit Inhalten zu beschäftigen. Mich interessieren die Geschichten hinter dem Tanz. Und meine Leidenschaft für Musik spielt natürlich auch eine große Rolle. Musik und Worten durch Tanz Ausdruck zu verleihen, das macht mich glücklich.

T.M. Wie lange tanzt ihr schon?

K.M. Ich hab‘ an der Ballettschule mit ungefähr sechs Jahren angefangen zu tanzen, davor war ich aber schon beim Kindertanzen im Tanzstudio Gursch.

S.H. Ich habe mit vier Jahren angefangen zu tanzen. Ballettschule_SaskiaBallett tanze ich, seit ich sechs bin. Zuerst war ich am Bielefelder TC Metropol, 2010 kam ich dann zu Frau Haus an die Theaterballettschule.

T.M. Wie oft habt ihr Training?

K.M. Fünf Mal in der Woche ist die Regel, wenn eine Premiere ansteht, dann sechs Mal.

T.M. War das Tanzen für euch bisher ein Hobby oder war immer schon der Wunsch da, es zum Beruf zu machen?

K.M. Also zunächst war es ein Hobby wie alle anderen auch, ich spiele auch Geige und Klavier und habe Kunstkurse besucht. Dann habe ich aber gemerkt, dass das Tanzen etwas ist, das ich intensiver machen möchte, dafür mussten andere Sachen wegfallen. Und zuletzt war dann schon das Ziel fokussiert, an einer Schule angenommen zu werden um zu studieren, Erfahrungen zu sammeln und an sich arbeiten zu können.

S.H. Für mich war es auch erst ein normales Hobby. Als ich dann zu Frau Haus an die Theaterballettschule kam, habe ich angefangen, es ernster zu nehmen. Und vor etwa eineinhalb Jahren kam dann der Wunsch auf, die Tänzerinnenlaufbahn zu verfolgen.

T.M. Und dann war es für dich aber keine Option, so wie Karoline, die Schule erst einmal fertig zu machen um dann ein Tanzstudium zu beginnen?

S.H. Ich dachte direkt daran, dass man durch so ein Vorstudium eine größere Chance hat, danach weiter an der Hochschule studieren zu können, man muss dann nicht an der offenen Aufnahmeprüfung teilnehmen, wie viele andere.

T.M. Frau Haus, haben Sie das Potenzial der beiden schnell erkannt?

Maria Haus (M.H.) Ich als Tanzlehrerin entdecke das, spreche aber nicht darüber. Das heißt, da geht erst ein jahrelanges Beobachten voraus. Und dann ist es wirklich so, dass der Wunsch von den Schülern kommen muss, nicht von den Lehrern. Sie müssen sagen „Ich möchte das gerne beruflich machen!“ und dann bin ich diejenige, die zuerst immer abrät.

T.M. Ach so?

M.H. Ja, das ist das Erste, was ich tue. Aus verschiedenen Gründen: Gagen der Tänzer (Daumen runter), Arbeitszeiten der Tänzer (Daumen runter), Privatleben der Tänzer (Daumen runter). Ich bin selbst Tänzerin gewesen und weiß deshalb, dass das Leben der Berufstänzer heftig ist. Ich bin diejenige, die die Realität beschreibt. Und wenn dann die Schüler immer noch sagen „Ich will es aber dennoch!“, dann geben ich und unsere anderen Lehrer wirklich alles. Es gibt so ein Sprichwort unter Lehrern, „Ein Tänzer wird man nicht, ein Tänzer ist man“. Du kannst dich nicht einfach entschließen Tänzer zu werden, du musst es fühlen, du musst es sein.

T.M. Wie läuft denn so eine Aufnahmeprüfung ab?

S.H. An der Hochschule Mannheim wurde man zunächst in drei verschiedene Altersgruppen eingeteilt. In diesen Gruppen gab es dann Stangenunterricht, Körperübungen und gemeinsames Training, was alles von einer Jury beobachtet und bewertet wurde.

K.M. An der Hochschule Frankfurt waren bei dem Prüfungstermin, an dem ich teilgenommen habe, 90 Bewerber. Die Prüfung lief ähnlich ab, man wurde in der ersten Runde ebenfalls in verschiedenen Gruppen beim Training beobachtet. In der zweiten Runde waren dann Charakter-, Folklore- und moderner Tanz mit vielen Rhythmusübungen dran, da waren wir schon nur noch 17 von 90 Bewerbern. Als nächstes gab es Improvisationsaufgaben und Einzelgespräche. Von den 90 Bewerbern wurden letztendlich 11 Bewerber angenommen.

T.M. Saskia, du ziehst zum neuen Schuljahr mit nur 14 Jahren von zu Hause aus, um in Mannheim ein Vorstudium zu beginnen. Wie fühlt es sich an, diesen Lebensabschnitt nun vor sich zu haben, wie geht es dir? Ist es hauptsächlich Freude oder auch Angst?

S.H. Es ist beides. Ich freue mich auf das Training an der Ballettschule, aber habe auch Respekt davor.

T.M. Wo wirst du wohnen?

S.H. Wir haben über eine Anzeige, die wir aufgegeben haben, Kontakt zu einer Frau bekommen, die schon häufiger Ballettschüler von der Hochschule aufgenommen hat. Ich konnte sie letzte Woche kennenlernen und bei ihr werde ich einziehen.

T.M. Wo seht ihr euch in zehn Jahren?

K.M. Eigentlich will ich gar nicht wissen, wo ich in zehn Jahren bin (lacht). Ich bin aber auch sehr gespannt darauf. Ich weiß, dass ich jetzt erstmal meinen richtigen Weg gehe und ich glaube ich werde mich noch viel verändern. Wer weiß, es kann noch alles Mögliche passieren, vielleicht klappt doch alles nicht so, wie ich es mir vorstelle oder wird ganz anders.

S.H. Ich weiß es auch noch nicht so wirklich. Ich werde in Mannheim eine Ausbildung zur Tänzerin und Tanzpädagogin machen und ich weiß noch nicht, was von beiden ich dann umsetzen werde.

T.M. Frau Haus, wie sind Sie von der Tänzerin zur Tanzpädagogin geworden?

M.H. Ich habe die Ausbildung zur Tanzlehrerin während meiner Tänzerinnenlaufbahn gemacht. Man sollte auf jeden Fall eine zweite Schiene verfolgen, es ist eine sehr kurze Karriere als Berufstänzer. Man muss immer im Hinterkopf haben, dass man nochmal von vorne anfangen muss, wenn die Tänzerkarriere vorbei ist.

T.M. Auch Sie haben ja maßgeblich dazu beigetragen, dass Saskia und Karoline den Sprung an die Hochschule geschafft haben. Was geben Sie den beiden mit auf den Weg?

M.H. Mein Professor von der Tanzpädagogik hat immer gesagt, der Schüler zeigt dir den Weg, ich muss nur hingucken, wo sie hin wollen, und sehen, wie ich helfen kann. Was ich den beiden wünsche ist, den Blick offen zu halten und ständig zu weiten. Seid nicht fixiert auf eins, es gibt 1000 Möglichkeiten ein Tendu auszuführen! Ihr braucht den Blick für die Vielfalt und die Neugier, euch immer wieder neu zu entdecken. Habt Vertrauen in euch selbst und den Mut, eurem Herzen zu folgen – das wünsche ich euch!

 

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