Gegensätze verschwimmen an Grenzen

Heisenberg. Das war doch dieser Physiker. Das wäre aber langweilig, darüber ein Theaterstück zu machen, das guckt sich bestimmt niemand an. Um den Physiker geht es auch eigentlich gar nicht, oder? Aber es heißt trotzdem Heisenberg. Was soll dann der Name? Das kann ich wohl erst beantworten, wenn ich das Stück gesehen habe. Nur eins ist sicher: Um den Physiker geht es nicht!

Ungefähr so waren meine Gedanken, als ich beschlossen hatte, dass ich mir Heisenberg ansehen will. Besonders fasziniert hat mich im Voraus das Spiel mit Realität, Wahrheit und Gegensatz und ich war gespannt, wie sich diese Konstellation entwickeln würde. Um mich etwas vorzubereiten, las ich also die Beschreibung auf der Homepage und was es sonst so online noch über Simon Stephens Buch gab. Ich war mir nun sicher, dass es nicht um den Physiker geht, aber immer noch verwirrt. Was sollte ein gegensätzliches Paar mit der Unschärferelation Heisenbergs zu tun haben? Natürlich hatte ich keine Ahnung, was diese Theorie überhaupt besagt und wirklich sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber nachdem ich Teile des Stücks nun gesehen habe, meine ich eine Ahnung zu haben. Ich komme später darauf zurück.

Mein Theaterabend begann zusammen mit einer kleinen Gruppe auf einer Probebühne: wenig Kulisse, leicht abgeschrägte Bühne, Scheinwerfer links und rechts. Alles bereit, bespielt zu werden. Schlicht und doch ausreichend wirkt das Gesamtkonzept als wäre aller Schnörkel zu viel des Guten. Ich denke bei mir, ob das vielleicht auch auf die Beziehung zwischen den beiden passen wird.

Vor der Probe sind alle sehr entspannt, sie lachen miteinander, gehen letzte Anweisungen durch. Dann brauchen die SchauspielerInnen einen Moment, um sich in ihre Rolle einzufinden. Und dann stehen da nicht mehr Thomas Wolff und Christina Huckle, sondern Alex Priest und Georgie Burns.

Man hört das Rauschen von Zügen und Bahnhofsdurchsagen. Gleich die erste Begegnung der beiden ist ungewöhnlich. Georgie küsst den wartenden Alex in den Nacken. Beide wirken zunächst sehr verloren; sie energiegeladen, er zusammengesunken und unauffällig. Die Geräusche enden und werden durch einen Wortschwall Georgies ersetzt. Diese dominierenden Gesprächsanteile von Georgie ziehen sich fast durch das ganze Stück. Sie scheint viel über Alex zu wissen oder rät wirklich gut und packt wenig konkrete Info in ihre langen, fast schon monologartigen Sätze, wohingegen Alex viel mit Mimik und kurzen, knappen Antworten kontert. Immer wieder schmunzeln die Zuschauer bei diesen Antworten. Irgendwie sind sie für sich dreist, aber im Kontext absolut gerechtfertigt. Ungewöhnlich bleibt es, denn die ganze Zeit über fragt man sich, wieso er bloß bei ihr bleibt und sie nicht wegschickt. Aber vielleicht ist es genau das der Punkt, der die beiden zusammenbringt.

Georgie erzählt von einem toten Ehemann, Kinderlosigkeit, scherzt, sie sei Killerin, korrigiert sich dann mit Kellnerin. Sie redet unfassbar schnell, lacht und flucht regelmäßig, scheinbar selbstreflektierend, über ihr Gerede. Trotzdem fällt es mir leicht ihr zuzuhören. Trotz ihrer Aufdringlichkeit wirkt sie sympathisch und harmlos. Ich fiebere mit, als sie ein Wortgefecht mit sich selbst führt, ihn nicht zu Wort kommen lässt (was er aber auch gar nicht versucht) und sich ihre Fragen selbst beantwortet. Was sie denkt, sagt sie sofort, ganz ungefiltert. Vielleicht deswegen und weil Alex nicht viel über sich erzählt, erfährt man über ihn erstmal nur seinen Namen und seinen Beruf: Metzger. Deswegen kann sie ihn aufspüren und besucht ihn in seiner Metzgerei. Was irgendwie obsessiv wirkt, schmeichelt sie schnell mit ihrer Erzählweise weg. Jetzt mit Perücke und schickem Kleid wirkt Georgie fast wie ein ganz anderer Mensch. So verführt sie nicht nur ihn, überredet ihn quasi sie auszuführen, sondern auch ich finde mich zwischen den Schmeicheleien wieder und überlege, wie ich dahin gekommen bin. Ihr neues Ich gibt Lügen des alten Ichs preis, entschuldigt sich, wechselt schnell zu einem vorgetäuschten Interesse an Alex‘ Metzgerei und endet mit einem Kompliment. Letzteres passiert öfter und nie wird klar, ob sie das wirklich so meint. Denn irgendwie wirkt es taktisch platziert und unpassend zugleich, so wie alles an ihr. Alex bleibt überfordert, kann sich ihr jedoch nicht entziehen. Vielleicht liegt es daran, dass Georgie Themen aus vorherigen Gesprächen wie zufällig in die Unterhaltung immer wieder einbindet. Aber mit ihr und an ihr ist nichts sicher.

Alex Priest und Georgie Burns
Alex Priest (l.) und Georgie Burns (r.) Foto © Philipp Ottendörfer

Beim Szenenwechsel läuft Musik, die zeigt, wo die Figuren sich gerade befinden. So ist keine weitere Anmerkung notwendig. Man findet sich direkt mit den beiden auf dem Bahnhof, im libanesischen Restaurant und später im Bett wieder. Das reduzierte Bühnenbild tut sein Übriges, damit man vollkommen eintauchen kann und neben Alex und Georgie am Tisch sitzt. Diese private Atmosphäre hat mich sehr begeistert.

Ebenfalls während des Szenenwechsels ziehen die beiden sich um. Das Besondere daran ist, dass sie es einfach neben der Bühne tun. So können sie sich auch über die Bühne hinweg betrachten und es entsteht Intimität. Emotionen bleiben auch in dem Wechsel erhalten oder ändern sich, aber erleben keinen Bruch.

Es folgt ein gemeinsames Essen, zudem jemand aus dem kleinen Publikum später sagte, er hätte es als eine Therapie für beide wahrgenommen. Ich kann nur zustimmen. Erstmals taut Alex auf, erzählt etwas von sich und Georgie nimmt sich zurück, hört ihm zu und wirkt ernsthaft interessiert. Ein kleiner kostbarer Moment in dem beide sehr glücklich wirken. Trotz des großen Altersunterschiedes funktioniert die »Beziehung« irgendwie. Doch die Stimmung kippt … Ende der Probe.

Ich fühle mich etwas verloren mit meinen vielen Fragen, wie es denn jetzt weiter geht. Dann muss ich mir halt nochmal das ganze Stück ansehen. Und das werde ich mit größtem Vergnügen tun!

Ganz davon abgesehen, dass mir das Stück wahnsinnig gefiel, fand ich auch die Erfahrung, bei einer Probe dabei zu sein, sehr interessant. Die kleinen Texthänger, die sich noch einschlichen, wurden schnell korrigiert oder durch ein herzhaftes Lachen ersetzt. Irgendwie passte das zu dem Stück, auch, wenn es natürlich eigentlich nicht dazugehört.

Um nochmal auf die Theorie von Heisenberg zurückzukommen. Es zeigt sich, dass es schon passt, wenn man sagt: »Wo das eine ist, kann das andere nur eingeschränkt sein« (ganz, ganz laienhaft ausgedrückt). Es schließt sich aber auch nicht aus. Irgendwie so stimmt es wahrscheinlich, aber wo genau die Berührungspunkte sind, könnte uns bestimmt nur Stephens sagen. Dem Genuss am Stück tut es keinen Abbruch, wenn man kein Physiker ist und man kann sich zurücklehnen und Wortgefechten, grummligen Antworten und ergreifenden Momenten zusehen.

Großartig gespielt von Thomas Wolff und Christina Huckle. Echt und mitreißend. Sehenswert und berührend. Ich freue mich, nächste Woche nochmal alles zu sehen!

 

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