»hautnah« – Ein Probenbericht

Von Marlen Roovers, Praktikantin der Abteilung Marketing & Vertrieb – die das Glück hatte, tiefere Einblicke in die Arbeit von TANZ Bielefeld zu bekommen

In den Proben zu hautnah

Tanz. Was mir dazu einfällt? Hmmm … Bisher eher wenig. Deswegen freute ich mich sehr über den Vorschlag von Janett Metzger (der Tanzdramaturgin), die Tanzproduktion »hautnah« zu besuchen und meine Eindrücke festzuhalten. Als Außenstehende mit wenig Erfahrung in dieser Sparte ganz eigene, unvoreingenommene Probeneinblicke bekommen? Das klingt doch gut!

Mein erster Besuch im Tanzstudio war spannend. Das Ensemble war voll in seinem Element, zehn junge, unfassbar geschmeidige Tänzer bewegen sich ohne Musik in schon ziemlicher Synchronität. Effektiv erst sieben Wochen Arbeit an dem Stück? Danach sieht es nicht aus. Eher nach 14 Wochen oder länger! Eine Stunde vor der Mittagspause kommt Vivan Bhatti, einer der Komponisten des Stücks. Die Musik setzt ein, die Tänzer setzen ein und ich bin überzeugt davon, dass auf jeden Fall schon mit der Musik geprobt wurde. Doch Janett belehrt mich: Den Titel als Ganzes hören sie heute zum ersten Mal, bisher kannten sie nur einzelne Ausschnitte. Die Bielefelder Brüder Vivan und Ketan Bhatti entwickeln die Musik kontinuierlich und gemeinsam mit dem Ensemble. In den Proben passen sie die Musik an die Choreografie an. Umgekehrt wird aber auch dafür gesorgt, dass die Choreografie perfekt zur Musik passt. Änderungen sind generell in beide Richtungen möglich.

Im großen, gut beleuchteten Tanzsaal des Theater Bielefelds wird jede Bewegung sichtbar. An den Wänden hängen Spiegel, die Tänzer überprüfen anfangs noch Haltung und Bewegungen, nach einiger Zeit jedoch sind die Schritte so verinnerlicht, dass dies ausbleibt. Bei Szenen, in denen die Tänzer sich zu zweit bewegen, helfen sie sich gegenseitig.

Beeindruckend ist auch, dass, sobald Simone Sandroni eine neue Szene anordnet, das Herumalbern in den kleinen Pausen der vollen Konzentration weicht. Während eine Szene mit einzelnen Tänzern geprobt wird, beschäftigen sich die anderen miteinander oder machen ein paar Workout-Übungen – als wäre das Tanzen an sich noch nicht fordernd genug. Mir ist keinmal aufgefallen, dass sie keinen Spaß an den Proben hatten. Alle waren gut drauf und sogar nachdem sie zum wiederholten Male dieselbe Szene probten, war die Stimmung positiv. Wenn jemand die Abfolge vergessen hat, wird untereinander ausgeholfen, bis es wieder sitzt. Interessant zu sehen ist auch, dass sich alle so gut verstehen. Neun verschiedene Nationalitäten treffen bei zehn Tänzern aufeinander – und da sind der Choreograf, seine Assistentin und die Dramaturgin noch nicht mit einbezogen. Zudem arbeiten sie jeden Tag zusammen und sind sogar aufeinander angewiesen – da sind Konflikte doch eigentlich vorprogrammiert. Während meiner Besuche habe ich jedoch nichts davon auch nur erahnen können. Vielleicht macht unter anderem das den Charme des Spielens aus und vor allem den des Zuschauens.

Und was hat das ganze nun mit Stoff zu tun? In der ersten Probe, die ich besucht habe, war das noch nicht unmittelbar zu erkennen. Der Probenprozess erinnert im entfernten tatsächlich an Stoff. Er ist fließend, leicht, spielerisch. Gleichzeitig erkenne aber ich als Laie sogar die harte Arbeit, die darin steckt – obwohl alle Beteiligten locker drauf sind. Mit meinem zweiten Probenbesuch wird es deutlicher: Die Choreografie übernimmt Aspekte des Themas «Stoff» und lässt sie zu Bewegungen werden.

Ein langer, weißer Vorhang wird aktiv in die Choreografie eingebunden und dient nicht nur als Bühnenbild. Die Tänzer bewegen ihn, verschwinden darunter, tauchen wieder auf – der Stoff bietet immer wieder neue künstlerische Möglichkeiten. Janett erzählt mir außerdem von den Video- und Fotoprojektionen, die die recherchepooler Konrad Kästner und Kathrin Ahäuser beisteuern. Bilder aus Textilfabriken, von der Eröffnung des Einkaufzentrums »Loom« hier in Bielefeld, von »bewegten« Kleidern (mehr wollte mir Janett dazu noch nicht verraten) … Ich bin sehr gespannt auf das abschließende Zusammenspiel von Bild, Musik, Tanz, Kostüm und Bühne!

Obwohl ich im Probensaal nur einen kleinen Teil gesehen habe, war ich wie gebannt. Bemerkenswert, was das Ensemble allein mit seinem Tanz ausdrückt! Umso mehr freue mich darauf, das fertige Stück am 19. Januar auf der Bühne zu sehen!

Weitere Inspirationen zum Thema Stoff findet ihr auch auf dem Blog und auf der Facebookseite von STOFF, das gemeinsame Projekt des Theaters Bielefeld mit »recherchepool«.

Fotos © Kathrin Ahäuser

 

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