Herr A und Frau B auf dem Weg ins Klassenzimmer …

… Wie entsteht eine mobile Kinderproduktion?

Letztes Jahr im Mai trafen sich auf dem Alten Markt eine Operndirektorin, ein Regisseur, eine Mezzosopranistin und ein Bariton. Nein, das ist nicht der Beginn eines Witzes, sondern der einer neuen mobilen Kinderproduktion.

Eigentlich wurde der Grundstein ein paar Wochen davor gelegt, als wir auf der Suche nach einer neuen Produktion für Schulen waren. »Die passen alle irgendwie nicht«, meinte der Bariton Evgueniy Alexiev, »lass uns ein eigenes Stück schreiben.«

Nichts leichter als das! Na ja, nicht wirklich.

Erste Station für den Bariton und den Regisseur, mich – Michael F. Britsch, ist die Operndirektorin, ihr wollen wir unsere Idee präsentieren. Sabine Schweitzer unterstützt diese sofort und hat auch einen Vorschlag für eine weitere Sängerin, zückt ihr Handy und ruft die Mezzosopranistin Nohad Becker an, die keine zwei Sekunden überlegt und das vorläufige Team komplettiert.

Zweite Station ist ein Treffen auf dem Alten Markt, bei Sonnenschein und Kaffee entwickeln wir erste Ideen für die Handlung. Als Erstes muss überlegt werden, was man den Kindern vermitteln will, also im moralischen und musikpädagogischen Sinne. Wir wollen zeigen, dass Musik verbindet, es Spaß macht, zusammen zu musizieren und dass in jedem, egal wie er aussieht oder woher er kommt, Talent stecken kann. Aus diesem Grund soll das Stück auch zum Mitmachen einladen. Mit diesen gemeinsam gesteckten Zielen ziehe ich mich zurück und beginne, das Stück zu schreiben.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten entstehen mehr Handlungsstränge, als man später in knapp 35 Minuten verarbeiten kann. Man schreibt ungefähr das 5fache dessen, was später zur Aufführung gebracht wird; manchmal verschwinden sogar ganze Handlungsstränge. Warum ist das so? Ganz einfach, um die Haupthandlung können nur eine begrenze Anzahl an Nebenhandlungen existieren und alle wollen zu Ende erzählt werden; in unserer halben Stunde Erzählzeit muss man die Anzahl der Nebenhandlungen doch sehr klein halten.

Noch fehlt aber das Wichtigste, der eigentliche Konflikt, der zu Beginn erst unvorhersehbar ist, am Ende aber trotzdem überwunden wird. Es heißt, man soll seine Hauptfigur nackt in den Regen stellen und neben ihr einen Vulkan ausbrechen lassen. Bedeutet: Finde einen Konflikt und setze noch einen weiteren drauf; schon hast du eine hausgemachte Katastrophe.

Nachdem die Handlung im Groben erschaffen war, kommen wir zur dritten Station, erste Dialoge werden geschrieben und viele wieder verworfen, aber nach und nach formen sich die Charaktere (Stadtrat Herr A und seine Sekretärin Frau B) mit ihren besonderen Eigenschaften. Wichtig für das Team ist der in der Geschichte verankerte Grund für den Schulbesuch.

Ein Grund für das Singen an einem fremden Ort ist oft ein Casting; und so wurde das Szenario geboren: Bielefeld sucht den Superstar. An diesem Wettbewerb sollen die beiden teilnehmen, als Konkurrenten; und siehe da, ein Konflikt entsteht. Aber reicht das? Nein. Es fehlt noch der nicht vorhersehbare Konflikt, dieser soll hier aber noch nicht verraten werden.

Der nächste Schritt ist, Musik zu finden, die sowohl in die Geschichte passt als auch verständlich und interessant genug für Kinder ist. Nun sind die Sänger wieder gefragt, sie sollen Vorschläge machen. Die ersten Dialoge kennen sie schon, auch der weitere Inhalt ist ihnen bekannt. Aus der Oper Carmen soll was rein, aber auch etwas Modernes.

Nach kleineren Stolpersteinen ist im Januar dieses Jahres die erste Version fertig, einer Leseprobe steht also nichts mehr im Wege. Mittlerweile haben sich zu dem kleinen Team noch die Dramaturgin Anne Oppermann und der Pianist und dritter Partner auf der Bühne, Eberhard Schneider, gesellt, beraten wird das Team durch die Musiktheaterpädagogin Britta Grabitzky.


Die erste Leseprobe läuft überraschend gut und mit viel Humor ab, beide
Sänger hatten sich schon mit dem Text und auch mit den Rollen beschäftigt. »Hoffentlich finden nicht nur wir das witzig.«

Nach der Leseprobe geht es wieder an den Schreibtisch, denn es ist ein großer Unterschied, ob man einen Dialog schreibt und ihn in seinen Gedanken hört, oder ob die eigentlichen Darsteller ihn auf ihre eigene besondere Weise lesen. Daher müssen kleine Änderungen, oder besser gesagt Anpassungen gemacht werden, auch werden einzelne Bausteine noch an andere Stellen verschoben, so dass am Stückschluss nicht die Moralkeule ausgepackt wird.

Wie die ersten szenischen Proben laufen und wie es schließlich zur ersten Aufführung im Klassenzimmer kommt, erfahrt Ihr im nächsten Teil.

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