Legendäres Konzert am Totensonntag

Ich gebe es zu: Als Kind gehörte ich zu den Musikschülern, die erst eine Stunde vor der nächsten Unterrichtsstunde anfingen, zu üben. Dabei war es mein eigener Wunsch, ein Instrument zu erlernen und hatte mir schon sehr früh in den Kopf gesetzt, dass es unbedingt die Gitarre sein musste. Ich wollte zwar spielen – nur das mit dem Einstudieren neuer Stücke klappte oft nicht besonders gut. Zur Musikerin war ich leider nicht gemacht und hatte mit meinem leisen Zupfinstrument auch eher schlechte Chancen, in ein Orchester aufgenommen zu werden. Macht nichts: Ich überlasse das Musizieren gerne jenen, die das Talent und den Ehrgeiz dafür besitzen und erfreue mich an deren Fähigkeiten.

Klassische Musik in einem Konzertsaal zu hören, ist für mich etwas Besonderes. Ich mag die Atmosphäre, wenn die Instrumente der einzelnen Musiker zu einem gemeinsamen Organ verschmelzen und der Raum von Klang erfüllt wird. Deshalb sind die Bielefelder Philharmoniker und die Rudolf-Oetker-Halle eine Kombination, die für mich immer funktioniert. Das nächste Konzert, das auf dem Programm steht, ist das Requiem am Totensonntag. Ich kenne natürlich das bekannte Werk von Mozart und auch der ein oder andere Komponist, dessen Werk gespielt wird, kommt mir bekannt vor. Nicht nur der Anlass, sondern auch das Programm unterscheidet sich sehr stark von dem, was ich aus einem Symphoniekonzert kenne. Rund 400 Jahre Musikgeschichte umfasst dieses Konzert, erfahre ich. Das älteste Stück, das Tenorlied Innsbruck, ich muss dich lassen, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Wie passt eine so große Zeitspanne in einen Abend, und wie passen die Stücke aus so unterschiedlichen Epochen zusammen? Zum Glück hat Alexander Kalajdzic, Generalmusikdirektor der Bielefelder Philharmoniker (kurz: GMD), ein bisschen Zeit für mich und meine Neugier.csm_alexander_kalajdzic_9749_c72f155c86

»Wir versuchen, uns mit der Trauer und mit dem Tod auseinanderzusetzen, unabhängig von der Zeit der Entstehung der Stücke«, erklärt er mir. Aber das ist nicht alles, was die Musik verbindet. »Was vielleicht als Untertitel sehr gut funktionieren würde bei so einem Konzert, wäre Legenden«. Legenden wie die über Carlo Gesualdo (1566-1613), der nicht nur für seine Kompositionen, sondern auch für den Mord an seiner Ehefrau bekannt ist. Nicht nur die Tat selbst, sondern auch wie es dazu kam, ist aufsehenerregend: Gesualdo hatte die Vermutung, seine Gattin würde ihn betrügen und wollte sie dabei ertappen. Dazu schmiedete er einen Plan: Zusammen mit Gefährten fingierte er eine Jagd (er gehörte natürlich dem Adel an) und die Männer kehrten nach kurzer Zeit vom Ausflug zurück. Sie erwischten das Paar in flagranti und töteten sowohl Gesualdos Frau als auch deren Liebhaber. Gesualdo flüchtete von seinem Schloss und heiratete nach kurzer Zeit erneut. »Er hat sich mit der Tat aber weiterhin beschäftigt und sie verarbeitet, indem er Musik geschrieben hat. Über diesen Vorfall gibt es sehr viele Legenden und Erzählungen. Es ist bis heute nicht geklärt, wer wen getötet hat«, schließt Alexander Kalajdzic ab. Das Stück aus Gesualdos 6. Buch der Madrigale, das auf dem Programm steht, handelt daher von Tod und Trauer. Auch von Claudio Monteverdi werden wir Stücke aus seinem Madrigalzyklus hören, der darin ebenfalls den Tod seiner Ehefrau verarbeitet (die aber eines natürlichen Todes starb). Kurze Zeit später verstarb auch seine Gesangsschülerin Caterina Martinelli, die die Titelrolle aus seiner Oper Arianna singen sollte. Dies hatte Monteverdi tief getroffen und floss in sein Werk ein.

»Die bekannteste Legende der Musikgeschichte ist die über das Requiem von Mozart. Im Hochsommer 1791 soll angeblich ein geheimnisvoller Bote gekommen sein, der Mozart das Geld gegeben hat, um ein Requiem zu schreiben«, erzählt Alexander Kalajdzic weiter. Lange hat man dann gemunkelt, dass es diesen Boten gar nicht gegeben habe und Mozart die Totenmesse für sich selbst schrieb. Gespenster, Geheimbünde und imaginäre Boten – schnell war die Rede von Geheimnissen und Mythen. »Das ist natürlich alles Quatsch«, meint Kalajdzic, »aber es verkauft sich sehr gut. Man hat auch ein Stück über Amadeus geschrieben und einen Film daraus gemacht. Das ist zwar alles schön, fällt aber unter die Rubrik Fiktion. Die Geschichte ist leider eine ganz andere. Der Bote war ganz klar ein Bote des Grafen von Walsegg, dessen Frau sehr jung mit zwanzig Jahren gestorben war. Er wollte dieses Requiem bei Mozart zum Andenken an seine Frau bestellen und Mozart hat sich sehr gefreut, weil er bis dahin noch kein Requiem geschrieben hatte. Was für uns als Musiker interessant ist: Mozart hat es tatsächlich nicht geschafft, dieses Werk zu vollenden.« Er verstarb im Dezember 1791 an einem Infekt. Weil der Graf von Walsegg aber bereits eine Vorauszahlung geleistet hatte, auf die Mozarts junge Witwe angewiesen war, beauftragte sie seine Schüler, das Werk zu vollenden. »Die Fassung, die sich bis jetzt eigentlich im Repertoire gehalten hat, das ist die von dem unbegabtesten aller seiner Schüler, Franz Xaver Süßmayr, weil alle anderen zu viel Respekt vor dem Meister hatten. Was wir aufführen, ist eine kritische Fassung aus den 70ern«. Mittlerweile ist die Wissenschaft so weit fortgeschritten, dass man anhand der unterschiedlichen Farben und Qualitäten der Tinten auf den Manuskripten ermitteln kann, wer was geschrieben hat. »Wir werden dort aufhören, wo Mozarts Handschrift endet, anschließend 30 Sekunden Pause machen und dann zu Ende spielen. Zu so einem Tag, 200 Jahre Totensonntag, kann man das machen.«

chroprobe_requiemIch frage nach, ob es schwieriger ist, Werke älterer Musiker zu spielen. Wenn ich ein Buch aus der Renaissance zur Hand nehme, merke ich gleich, wie sehr sich unsere Lesegewohnheiten verändert haben. Wie ist das in der Musik? Funktionieren die Stücke noch oder muss man sie in irgendeiner Weise der Moderne anpassen? »Natürlich funktionieren sie sehr gut, weil Musik eine allgemein verständliche Sprache ist, die man nicht mit dem Verstand wahrnimmt, sondern mit dem Instinkt.« Und die Instrumente? Die wurden früher schließlich anders gebaut. »Wir machen das auch ein bisschen unterschiedlich von Fall zu Fall. Für Kirchenmusik benutzen wir das alte Instrumentarium. Das sind Naturtrompeten, Barockposaunen und Pauken. Man kann ein Mozart Requiem sehr gut mit modernen Instrumenten machen, wir haben ja auch moderne Streicher, die keine Darmsaiten haben.« Darmsaiten? Die gibt es noch? »Das ist eine sehr heikle Angelegenheit, weil die sehr gerne reißen und es schwierig ist, damit die Stimmung zu halten. Deswegen artikulieren wir mit unseren Instrumenten so, wie wir denken, wie man um 1791 artikuliert hat.« Das klingt für mich vernünftig, aber auch schwierig. Doch Alexander Kaladzic erklärt mir weiter: »Ich bin der Meinung, dass ein normaler, gesunder Musiker in der Lage sein sollte, mit Barockmusik genauso viel anzufangen wie mit den Stücken, die vor zwanzig Jahren geschrieben wurden und jetzt geschrieben werden. Und dazu braucht man eine bestimmte Ausbildung, um den Komponisten und die Grundgedanken zu verstehen. Noten sind nur die Symbole für eine musikalische Idee, die wir mit unseren Instrumenten in Klang setzten und das erfordert natürlich auch eine Auseinandersetzung mit dem Stil, dem Notentext und vor allem Wissen, das nicht in den Noten steht, aber vorausgesetzt wird. Im Prinzip sind es Wahrheiten, die der Musiker um 1790 gekannt hat, ohne darüber nachzudenken und es in Fleisch und Blut hatte. Wir müssen dafür sehr viel recherchieren, um das zu verstehen.«

Wie aber passen die Werke der jüngeren Komponisten dazu? – will ich wissen. Gibt es mehr als das Thema Trauer, das die Musik verbindet? »Ich bin der Meinung, dass man den so genannten äußeren Bogen gar nicht braucht. Es gibt Stücke, die einfach gut zueinander passen.« Lachrymae von Benjamin Britten ist zum Beispiel ein Variationsstück über ein Lied von John Dowland, von dem wir Flow my Tears hören werden. »Oder die Stücke stehen so stark im Kontrast zueinander, dass die Leute sagen: Ok, das war jetzt spannend. Das Requiem für Streichorchester von dem japanischen Komponisten Tōru Takemitsu ist sehr strenge serielle Musik, die sehr viel mit Bewegung zu tun hat, wie ein lebendiger Organismus, der sich nach vorne und nach hinten bewegt. Ich werde die Stücke so ineinander fließen lassen, dass aus modern und alt eine Zusammenstellung entsteht«, verrät Alexander Kalajdzic. »Wir bleiben nach dem Konzert noch da und sind sehr dankbar, wenn die Leute ihre Eindrücke mit uns teilen.«

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