Mäuschen gespielt: Mein Probenbesuch beim neuen Musical LAZARUS

von Katharina von dem Bussche

Es ist der 24. April 2019, ein Mittwoch, 10:30 Uhr. Wir befinden uns auf der Probebühne 2 im Theater Bielefeld. Es steht eine Probe von Lazarus an.

Angelehnt an den Film The Man Who Fell to Earth, dreht sich auch bei Lazarus alles um den Außerirdischen Thomas Newton, der infolge seiner Unsterblichkeit ein einsames Dasein auf der Erde fristet – und nicht mehr zwischen Un- und -Wirklichkeit unterscheiden kann. Gespickt ist das Musical mit zahlreichen Bowie-Songs, die die Geschichte des Thomas Newton alias David Bowie zum Glitzern bringen.

An diesem Morgen sind alle anwesend, die das Stück auf die Bühne des Theaters Bielefeld bringen werden – eine große Probe. Nur die Tänzer von E-Motion fehlen noch – was die wohl am Ende damit zu tun haben?

Als ich den Raum betrete sitzen die DarstellerInnen bereits gesellig auf dem Bühnenrand zusammen und singen gemeinsam. Am Klavier begleitet sie der musikalische Leiter der Produktion William Ward Murta. In lockerer Atmosphäre werden schon einmal die Songs angestimmt, um die es in der heutigen Probe gehen soll. Es findet viel Interaktion im Ensemble statt: So schlüpft Alexander Stürmer beispielsweise in die Rolle des Dirigenten als Susanne Schieffer ihr Solo übt. Man unterstützt und motiviert sich gegenseitig.

Auftritt Michael Heicks:

Ein entspannter Regisseur (und Intendant) kommt rhythmisch wippend herein – niemand lässt sich von seiner Ankunft aus der Ruhe bringen.

Die Probe beginnt. Auf der Bühne steht schon ein Teil des Bühnenbildes bereit. Unzählige Kinderbetten finden sich dort – man darf gespannt sein, was es damit auf sich hat! Erste Probekostüme liegen ebenfalls bereit. So können die DarstellerInnen gleich im wahrsten Sinne in ihre Rollen „schlüpfen“ und sich schon früh an das Tragegefühl ihres finalen Kostüms gewöhnen. Weitergeprobt wird da, wo gestern aufgehört wurde: Szene 17. Die ganze Zeit über findet ein stetiger Wechsel zwischen ausgelassener – manchmal alberner – und konzentrierter Stimmung statt. Eine Arbeitsatmosphäre, die ich so bisher selten erlebt habe. Aber wie oft spielt man auch auf den Probebühnen eines Theaters Mäuschen? Es ist jedenfalls sofort klar: Hier wird mit viel Kreativität gearbeitet. Bei den heutigen Szenen steht (besonders?) viel Improvisation auf dem Programm. Gemeinsam werden Dinge er– statt einfach nur verarbeitet. Der Regisseur springt dabei immer wieder zu den DarstellerInnen auf die Bühne und spielt ihnen einfach selbst vor, was er wie meint. Noch so eine Sache, die mir vorher nicht klar war und mich völlig fasziniert. Es wird viel miteinander agiert. Da kommt es dann auch vor, dass sich DarstellerInnen plötzlich in einer inszenierten Prügelei mit ihrem Intendanten wiederfinden. Aber auch sonst ist das ganze Team involviert: Beim Umbau packen alle mit an – inklusive Regie(assistenz), Kostüm und Bühne.

Es herrscht ein Gemeinschaftsgefühl, das im Laufe der Probe noch an anderer Stelle zum Tragen kommen wird. Denn das Besondere an Lazarus: Es vereint zwei Sparten in einer Produktion. Da prallen mit Musiktheater und Schauspiel zwei Welten aufeinander. SchauspielerInnen werden plötzlich zu SängerInnen, das erfordert einige Umstellung, unterscheidet sich die Arbeitsweise in beiden Sparten doch erheblich. Während es im Musiktheater stets um exaktes Timing geht, das am Ende perfekt sitzen muss, wird im Schauspiel bis zuletzt weiterentwickelt und geändert. Kein Wunder also, dass eine gewisse Aufregung in der Luft liegt als die DarstellerInnen ihre Gesangs-Soli zum ersten Mal vor ihren KollegInnen zeigen. Man muss Wege finden, mit den Unterschieden umzugehen und sich der Arbeitsweise des jeweils anderen zu öffnen und anzunähern. Das gelingt diesem Ensemble wunderbar. Gegenseitige Anerkennung bildet die Basis und eine große Portion Humor erledigt den Rest.

Ich verlasse die Probe voller neuer Eindrücke, großer Faszination für die Arbeit aller, die ich heute beobachten konnte, und ebenso großer Vorfreude, das Ergebnis dieser Arbeit in ein paar Wochen auf der Bühne zu bestaunen!

Probe auf der Hauptbühne
Probe auf der Hauptbühne
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