PREVOLUTION – Wie alles begann

Zuerst erschienen im Magazin Die Deutsche Bühne // Von Christina Huckle und Thomas Wolff

War es ein Zufall, dass am 28. August 2017 bei dem jährlichen Betriebsausflug zu Beginn der Spielzeit zwei KollegInnen (Georg Böhm und Carmen Priego) unabhängig voneinander unserem Oberspielleiter Christian Schlüter mitteilten, sie hätten beide ein Stück geschrieben? Oder war das schon der Anfang der PREVOLUTION?

»Es wäre doch schade, wenn wir die kreativen Ressourcen unseres Ensembles nicht nutzen. Warum nicht selber schreiben, Stücke entwickeln, Projekte, verwirklichen, die einem schon länger unter den Nägeln brennen?« Georg entwarf, um dem Ganzen den nötigen Schub zu verleihen, gleich ein Konzept für die bei uns sogenannte »5. Runde«, die letzten Premieren einer Saison. Die Idee: »Eine Art kleine Spielzeit in der Spielzeit eigenverantwortlich zu gestalten. Fast wie ein Theater im Theater. Oder eine freie Gruppe im Stadttheatergefüge.«

Eine leicht revolutionäre Stimmung machte sich breit.

Das PReVolution-Team (© Gernot Kaspersetz)

Es gab schließlich drei weitere, mehr oder weniger ausgegorene Ideen, die wir schließlich nach längerem guten Zureden der Leitung unseres Theaters vorstellen durften. Was mit skeptischer Offenheit angehört wurde. Die Skepsis war nicht ganz unberechtigt: Es konnten nicht alle Projekte das Ensemble an sich gleichermaßen überzeugen. Zudem wären die dispositionellen Schwierigkeiten enorm geworden. Die Dramaturgie fragte uns, warum wir eigentlich ein Gegeneinander statt ein Miteinander postulieren. Aber die Offenheit der Leitung führte zu Gesprächen, Auseinandersetzungen und mehreren Ensembleversammlungen und der u.a. von Lukas Graser formulierten Befürchtung: »Das heißt, ich bin wieder nur ein Schauspieler, der diesmal von einem Kollegen inszeniert wird. Wenn ich aber auch mal Inspizient sein möchte?« Unser Intendant Michael Heicks machte schließlich den entscheidenden Vorschlag: »Warum nicht wirklich etwas außergewöhnliches wagen, z.B. ein vom ganzen Ensemble gemeinsam entwickeltes Projekt statt einem Kessel Buntes?« Und außerdem regte er an, ein solches Vorhaben nicht nur als eine einmalige Sache zu begreifen, sondern vorausblickend auch für zukünftige Spielzeiten zu denken.

Mittlerweile war es Januar geworden. Tatsächlich, man schenkte uns das Vertrauen, die Möglichkeit, die Zeit, die Kapazitäten, dass wir am Ende dieser Spielzeit einen eigenen Theaterabend entwickeln können, der nicht nur einmal in einem Spätabendspezialprogramm gezeigt würde, sondern ein gleichwertiger Teil des Spielplans wäre. Der Termin der Spielplanverkündung für die Saison 18/19 rückte immer näher. Wir mussten bis Anfang März 2018 unserem Kind einen Namen geben, d.h. wir mussten uns einigen, worum es überhaupt gehen sollte, Genre, Sujet, Inhalt. Demokratie. Basisdemokratisch, so wollten wir diesen Abend entwickeln. Zeigen, dass man das kann, dass das möglich ist. Da alles sehr schnell gehen musste, folgten chaotische Versammlungen, wo sich die Lautesten durchsetzten: »ScienceFiction!«, »Evolution!«, »Revolution« »Planet der Affen!«, »Einen neuen Planeten besiedeln!« immer wieder »Demokratie!« — »PREVOLUTION!« Dieser Begriff wurde von Stefan Imholz in den Raum geschleudert und euphorisch aufgenommen. Er wurde unser Titel und alles in weiteren anstrengenden Sitzungen zu einem Text für Presse und Spielzeitheft komprimiert.

Das PReVolution-Team (© Gernot Kaspersetz)

Das Schauspiel-Ensemble mit Regieassistentinnen und Souffleuse als eine Crew, auf dem Weg in unbekannte Weiten, die einen neuen Planeten erobern und gestalten darf. Das wurde die Grundidee, von der alles Weitere ausgehen sollte.

Eines war uns von Anfang an klar: Wir wollen die gesamte Gestaltung des Projektes in unsere Hände nehmen. Keine Bühnen- und Kostümbildner oder Musiker von außen. Die Möglichkeiten unseres Hauses nutzen und durch die Übernahme von Tätigkeiten, die eigentlich nicht unsere Hauptkompetenzen sind, die Zusammenhänge eines Theaterbetriebes besser verstehen lernen.

Und dann begannen die wirklichen Schwierigkeiten. Was musste nicht alles organisiert werden, welche Termine müssen schon vorher eingehalten werden, was muss alles vorbereitet sein, bevor sechs Wochen vor dem Premierentermin am 24.05.19 die eigentliche Probenzeit beginnen kann? Das größte Problem war erstmal: Wie lernen wir mit Demokratie umzugehen, damit alle zu ihrem Recht kommen? Wie lernen wir zu kommunizieren? Sowohl auf einer digitalen Ebene, als auch in unseren jetzt regelmäßigen Treffen, für die uns wöchentlich zwei Stunden der regulären Probenzeit und sogar ein »Prevolutionsraum« eingeräumt wurden.

Wir probierten verschiedene Formen der Debattenkultur und einigten uns auf immer wieder wechselnde GesprächsleiterInnen, ProtokollantInnen, Verpflichtung zu Pünktlichkeit und regelmäßiger Teilnahme, außer aus den üblich zwingenden Gründen. Merkten schnell, dass manches in kleinen Gruppen und Gesprächsrunden (Weltraumcafés) schneller und konzentrierter zu erledigen war, dass wir Aufgabenbereiche und Verantwortlichkeiten aufteilen mussten. Nicht immer führte das zu Euphorie, manchmal fragten sich einige, worum ging es denn heute eigentlich. Wir wurden darin immer etwas geübter. Es fanden sich die ersten Interessensgruppen für Bühne, Kostüm, Musik, Schreiben und Dramaturgie, Inspizienz, Öffentlichkeitsarbeit.

v.l.n.r. Cornelius Gebert, Georg Böhm, Céline Karo (© Gernot Kaspersetz)

Es wurden Lesestoffe herumgereicht: u.a. »Der kommende Aufstand« vom Unsichtbaren Komitee, Yuval Noah Harari: »Homo Deus«, Alan Weisman: »Die Welt ohne uns«, Jeff VanderMeer: »Southern-Reach-Trilogie« sowie hunderte wissenschaftlicher Artikel zu Weltraumforschung, Physik, Soziologie, Klimaerwärmung, Kapitalismuskritik. Es wurde eine Zettelwand mit zu behandelnden Themen erstellt. Wir versuchten uns im Formulieren einer neuen Verfassung.

Aber sind wir schon auf dem Planeten? Oder schon unterwegs? Wer darf überhaupt mit und warum? Müssen die Prevolutionäre, die den neuen Planeten bevölkern wollen, erst bestimmt werden? Wer tut das? Spielt man dabei eine Rolle, die man im theatralen Sinne verteidigt? Welche Theatralik? Welche Spielform? Carmen Priego meinte, bei einer so großen Gruppe geht nur eine performative. Andere aber forderten ein: »Nein, es müsse ein richtiges Stück werden. Bloß keine Interaktion mit den Zuschauern.« Und immer wieder die Frage: Worum soll es eigentlich gehen? Die größte Frustration: Was wollen wir eigentlich erzählen?

Und plötzlich kam eine vielleicht in solchen Prozessen natürliche Entwicklung (Stückentwicklung!) in Gang, eine aus der Dynamik sich ganz organisch ergebende Erkenntnis: Wir sind doch schon mitten drin in unserem Stück!

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Ein Kommentar:

  1. Vielen Dank für die enorme Offenheit. Schön, dass ich (und hoffentlich viele Theaterinteressierte) an dieser Entwicklung teilhaben dürfen

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