Serienjunkie

Achtung, Ihr betretet Nerd-Gebiet. Ich bin ein Serienjunkie – keine Chance, es abzustreiten. Und jeder von Euch, der infiziert wurde, kennt das zwanghafte und gleichzeitig wohlige Gefühl, die nächste Folge auch noch sehen zu wollen. Wenn es mir schlecht geht, tröste ich mich mit der Musical-Folge von Buffy. Und eine Folge für wirklich jede Stimmung finde ich bei Doctor Who – auf ewig allein, durch Zeit und Raum reisend und die verrücktesten und traurigsten Abenteuer erlebend. Ich schlafe zu wenig, weil ich bis drei Uhr morgens durchhalten musste, um zu sehen, ob das große moralische Dilemma in Utopia gelöst werden kann. Ich ärgere mich über fürchterlich schlechte letzte Folgen (Dexter) und freue mich über verstörende Weitsichtigkeit (Black Mirror) oder wegweisende Klassiker (Cracker).

Keine Frage: Ich habe David Gieselmanns Serie Sissy Murnau im TAMDREI mehr als ungeduldig erwartet. Und war gleichzeitig unsicher. Denn eigentlich schaue ich erst Serien, seit ich nicht mehr auf die nächste Folge im Fernsehen warten muss, sondern durch Streamingdienste und die immer schneller verfügbaren DVD-Boxen am Stück und wieder schauen kann. Das ähnelt meinem Leseverhalten: Ich freue mich über neue Bücher, aber etwas wieder lesen zu können, will ich nicht missen. Mag ich dann Serie im Theater? Wie soll das überhaupt gehen? Und bei dem ganzen Serien-Hype – warum hat eigentlich noch niemand eine Theaterserie geschrieben? Das frage ich dann auch den Autor von Sissy Murnau, David Gieselmann.

Nachdem wir uns unserer Begeisterung für die Serienperle Sense8 versichert und uns damit sogleich als Serienjunkies geoutet haben, wird klar, mit dem Auftrag vom Theater Bielefeld erfüllt sich David einen kleinen Traum. Er hat serielles Erzählen am Theater bislang nur als Happening oder Experiment erlebt. Im Rahmen von Festivals wurden etwa Hörspielserien szenisch gelesen. SissyMurnau_Folge1Schon das hat ihn fasziniert. Aber das weiter zu denken, die Serie nicht nur als einmaliges Event, sondern in ihrer Wiederholbarkeit ernst zu nehmen, reizte ihn besonders. Der nicht zu unterschätzende Produktionsaufwand sei aus seiner Sicht der Grund, warum das Serienformat die Theaterbühne bislang nicht erreicht hätte. Denn Fragen wie: Wie aufwendig darf das Bühnenbild werden? Wo lagern wir die Kulissenteile? Können die Schauspieler aus den ersten Folgen in der folgenden Spielzeit problemlos wieder an weiteren Folgen teilnehmen? usw. sind nur scheinbar banal.
Für David war eine der drängendsten Frage für seinen Schreibprozess, wie er die Balance zwischen Cliffhanger und in sich befriedigend abgeschlossenen Folgen findet. Natürlich will er die Zuschauer dazu bekommen, die nächste Folge zu sehen. Gleichzeitig soll aber niemand frustriert aus der ersten Folge gehen, weil er auf Folge 2 warten muss. Sowieso, die erste Folge – der Pilot – ist für jeden Serienautor eine Herausforderung. Er muss die Figuren etablieren, verschiedene Handlungsstränge vorbereiten, die Stimmung der Serie festlegen und, und, und. Wenn der Ton der ersten Folge nicht stimmt, die Figuren nicht gefallen oder nicht genug Spannung aufkommt, kommen die Zuschauer nicht wieder. Aber die Serienform ermöglicht ihm auch, Dinge zu korrigieren. Wenn er mit einer Idee aus Folge 1 nicht mehr ganz einverstanden sei, habe er in späteren Folgen die Möglichkeit, den Handlungsstrang zu verändern. Dennoch muss er das große Ganze schon in Folge 1 bedenken. Denn David orientiert sich am Konzept der Autorenserien, die eine deutlich fortlaufende Handlung haben und nicht wie in vielen Krankenhaus- oder Krimiserien die immer gleiche Struktur in jeder Folge abarbeiten. Ob die Idee aufgeht? Ist das Theaterpublikum bereit, ein in sich geschlossenes Theaterstück gegen die Offenheit der Serie zu tauschen? Nicht nur David ist aufgeregt!

Völlig subjektiv sage ich »ja« zur Serie im Theater! I’m hooked. Die ersten zwei Folgen »Ich möchte glauben« und »Ich werde kämpfen« habe ich als Doppelfolge gesehen. (Jaaaaa, weil ich zu ungeduldig war und so gleich schamlos ausgenutzt habe, dass ich in eine Probe durfte.) Ich bin überrascht, wie viel Fernsehen ich wiederfinde und wie eindeutig ich gleichzeitig Theater erlebe. Autor und Regisseur (Henner Kallmeyer) zitieren und spielen mit den TV-Serien-Klischees, ohne sich zu sehr in Anspielungen zu verlieren und die Geschichte darüber zu vergessen. Im Fernsehen häufig »bloß« Nützliches wie SissyMurnau_Folge2ein Rückblick auf die letzte Folge bekommt im TAMDREI eine zentralere Bedeutung und wird zu einem ganz eigenen Erlebnis. Sissy Murnau ist aber mehr als nur Referenz auf das Format, die serielle Form wird genutzt, um das Theater und das Schauspiel selbst zum Gegenstand zu machen.

Witzig, Meta, ein wenig Science Fiction und irgendwo zwischen Bielefeld und Nara – Sissy Murnau macht mir Lust auf mehr. Jetzt hätte ich für mein Nerd-Glück gern noch ein »Obünas«*-Shirt und eine Seriennacht mit allen vier Folgen, bei der ich Popcorn essen darf. Und Ihr?

*Offenes Bündnis der Nara-Skeptiker

 

Tipp: Die nächste Folge 1 läuft am 03.05. Ihr könnt aber auch problemlos mit Folge 2 einsteigen, wenn Ihr nicht warten mögt.

 

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