Tanz ist mehr als man in Worten sagen kann!

Ein Bericht aus den Proben zu der Tanzproduktion New Sites

Ich war nervös, als ich von meinem Büro die Treppen hoch zum Tanzsaal ging, um mir eine Probe zu dem Stück New Sites anzugucken. Was passiert, wenn ich währenddessen nicht auf die wirklich wichtigen Dinge achte und dadurch am Ende das Stück falsch verstehe oder interpretiere? Gleichzeitig freute ich mich aber auch, in die Probe zu gehen, da ich – bis auf ein paar Jahre Ballettunterricht als kleines Kind – noch keine richtigen Erfahrungen mit Tanz gemacht habe und gespannt auf die Entwicklung der Produktion von TANZ Bielefeld und dem Choreografen Fabian Wixe war.

Das Einzige, was ich wusste, war, dass die Vorstellungen im Foyer der Rudolf-Oetker-Halle stattfinden werden und die vergrößerte Bühne durch einen Vorhang diagonal in zwei Dreiecke geteilt wird. Es wird Elemente geben, wo dieser geschlossen ist, das Publikum nur die halbe Bühne und jeweils fünf TänzerInnen sehen kann. Aber auch Sequenzen, in denen die ganze Bühne mit dem gesamten Tanzensemble sichtbar ist. Die ZuschauerInnen sitzen direkt vor der Bühne, sodass sie das Geschehen von ganz nah verfolgen können. Aber das Besondere ist, dass diese im ganzen Raum verteilt sitzen können und es auf der Bühne kein richtiges Vorne und Hinten geben wird.

Ich betrat also mit gemischten Gefühlen den offenen, lichtdurchfluteten Tanzsaal und setzte mich in eine Ecke des Raumes, um die Probe nicht zu stören. Alle sprachen miteinander, um noch einzelne Bewegungen und zeitliche Abläufe für den nächsten vollständigen Durchlauf zu besprechen. Fabian gab Anweisungen und einzelne TänzerInnen waren dabei, kurze Abfolgen durchzugehen oder sich zu dehnen und warmzuhalten. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten war für mich schwer nachzuvollziehen, da sie nur teilweise Worte benutzen und sich sonst mit ihren Körpern verständigten. Doch jeder von ihnen verstand diese Mischung aus verbaler und non-verbaler Kommunikation und wusste genau, was gemeint ist.

Als der Durchlauf begann, wechselte ich ab und zu meine Sitzposition im Raum, um die meisten Eindrücke sammeln zu können, da im ersten Teil fünf TänzerInnen zu zwei Seiten und im zweiten Teil alle zum ganzen Saal hin tanzten. Sie bewegten sich unterschiedlich schnell und mit unterschiedlicher Intensität, manchmal in Gruppen, zu zweit oder alleine. Sie nutzten den kompletten Raum, rannten von einer Seite zur anderen oder bewegten sich auf einer Stelle. Nutzten den Boden und auch die Luft durch Hebefiguren oder hohe Sprünge. Manchmal waren die Bewegungen flüssig, manchmal abgehackt.

TänzerInnen in der Probe

Fabian Wixe entwickelt mit den TänzerInnen zusammen die Choreografie. Er stellt Ihnen Aufgaben, die sie alleine, zu zweit oder in Gruppen absolvieren sollen. Diese baut er aufeinander auf und kombiniert sie so, dass eine Bewegungsabfolge entsteht. Elemente, die schon am Anfang erarbeitet wurden, greift er am Ende wieder auf und baut sie mit ein. Das Ensemble soll den Bewegungen folgen, sie sich zu Eigen machen, aber sie gleichzeitig mit weiteren Schritten anreichern, sodass jede/r individuell an seine/ihre Grenzen stößt. Es wird viel mit dem Raum und den Bereichen zwischen den Körpern, der durch bestimmte Reaktionen entsteht, gearbeitet, welches deutlich in der Choreografie zu erkennen ist. Die TänzerInnen hören nie wirklich auf, sich zu bewegen. Das Ziel von Fabian ist es, eine Energie zu schaffen, die sich bis auf das Publikum auswirken soll.

Die Choreografie und die Bewegungen faszinierten mich sehr und brachten bei mir verschiedene Emotionen zum Vorschein, die ich aber nicht richtig beschreiben kann. Gleichzeitig hatte ich immer noch meine Bedenken, das Stück nicht richtig zu verstehen, bis mir irgendwann während der Probe etwas klar wurde:

Es geht nicht darum, die richtige oder falsche Interpretation und Bedeutung des Stückes zu finden. Man kann Tanz und das, was er mit einem macht, nicht erklären, beschreiben oder wirklich interpretieren. Das Ziel ist es, Emotionen bei den ZuschauerInnen auszulösen, sei es Trauer, Freude oder irgendetwas anderes, welches die TänzerInnen mit der Choreografie von Fabian bei mir geschafft haben. Ich kann nicht in Worte fassen, welche Emotionen ich genau empfunden habe. Fest steht, dass es mehrere ganz verschiedene waren, die an unterschiedlichen Stellen in dem Stück zum Vorschein kamen und mich selbst zum Staunen gebracht haben, weil ich nicht dachte, dass Tanz so etwas kann. In jedem/jeder löst die Choreografie etwas anderes aus und das ist auch gut und richtig so!

Als ich wieder aus dem Tanzsaal hinausging, war meine Nervosität komplett verschwunden. Fabians Arbeitsweise und das bisherige Ergebnis der Produktion sind sehr beeindruckend und ich war glücklich darüber, die Chance bekommen zu haben, in eine Probe von einem so gelungenen Tanzstück gehen zu dürfen. Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung der Produktion in den kommenden Wochen. Mir ist einiges über den Tanz und die vielen Elemente aus verschiedensten Tanzarten, die in der Produktion genutzt werden, klar geworden und ich habe jetzt ein verändertes Bild und eine neue Sichtweise auf das Projekt von Fabian Wixe, dem Tanzensemble und allen anderen, die dahinterstecken.

TänzerInnen in der Probe
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