Wandertag 2.0

Nach sechs Wochen Spielzeitpause begann die neue Saison mit einer Zeitreise: Ich wurde gefühlsmäßig in meine Schulzeit zurückversetzt. Der Wandertag erfüllte mich als Teenager mit Grauen – eingepfercht in einen nach übertrieben süßem Deo und Pubertätsschweiß müffelnden Bus, gekarrt zu einer Unternehmung, die meine Würde bedrohte (Minigolfen, Wellenbad) und das auch noch mit Menschen, denen ich in meiner Freizeit lieber aus dem Weg ging. Der Wandertag erschien mir wie die Vorstufe zur Hölle und ich ertrug ihn ungnädig mit beharrlichem Missmut.

Eineinhalb Jahrzehnte später erhielt der verhasste Wandertag jedoch ganz andere Konnotationen: Er kam daher wie eine eintägige Verlängerung der Spielzeitpause, aber mit unverkennbar professionellem Anstrich. Ein softer Einstieg in die neue Spielzeit, bei dem man alle Kolleg_inn_en nach sechswöchiger Abstinenz wiedertrifft, Urlaubsgeschichten austauscht und die Arbeit noch für einen Tag Arbeit sein lässt. Nach dem Ende der letzten Saison, die meine erste Spielzeit am Theater Bielefeld war, erschien mir dieser Wandertag wie eine Schonfrist, bevor der kreative, betriebsame und manchmal auch etwas chaotische Alltag in der Abteilung für Marketing und Vertrieb wieder los ging. Doch nicht nur das:
Der kollektive Betriebsausflug am ersten Arbeitstag nach der Spielzeitpause soll alle Abteilungen zusammenführen, Verbundenheit erzeugen und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Mit diesem Grundgedanken übernahm Wilfried Eickmeier vor ca. zwanzig Jahren die Aufgabe, den jährlichen Betriebsausflug zu organisieren. Eickmeier, der mit knapp dreißig Dienstjahren schon als Urgestein des Theaters Bielefeld gelten kann, benötigt etwa ein halbes Jahr Vorlaufzeit, um den Ausflug, an dem meist über hundert Leute teilnehmen, vorzubereiten. »Ideen sammele ich schon im Verlauf des Jahres«, berichtete er mir, der jedes Ausflugsziel vorher einmal privat besichtigt, um sich einen Eindruck zu verschaffen. »Die Idee muss praktikabel sein – schließlich haben wir von Anfang zwanzig bis Mitte sechzig jede Altersklasse dabei.« Für diese bunt zusammengewürfelte Truppe einen geeigneten Ausflug zu planen, ist recht knifflig. So darf der Ausflug weder allzu anstrengend noch allzu kostspielig sein. Ein Abenteuer im Hochseilgarten kommt somit genauso wenig in Frage wie Achterbahnfahren im Vergnügungspark.

In diesem Jahr ging der Betriebsausflug – mein erster Wandertag mit dem Theater – nach Schloss Nordkirchen, dem Westfälischen Versailles. Nach einem gemeinsamen Frühstück im Café Bernstein, mit dem der Betriebsausflug traditionsgemäß jedes Jahr beginnt, verteilten wir uns auf Busse und traten die etwa 100 km lange Fahrt ins Münsterland an. Die Busfahrt erinnerte mich frappierend an den Schultransport beim Wandertag: Die coolen Kids saßen hinten, die Weicheier jammerten über Reiseübelkeit, albernes Gekicher durchwogte die Sitzreihen – als sei die gesamten Belegschaft des Theaters schlagartig wieder fünfzehn Jahre alt. Beim Schloss angekommen zeigte sich jedoch, dass wir die Unreife der Jugend hinter uns gelassen hatten.
Wir erlebten nämlich eine Führung durch die Parkanlagen, für die das Wasserschloss berühmt ist. Was bei Halbstarken nur ein mattes Gähnen hervorgerufen hätte, fanden wir in der Mehrheit tatsächlich bemerkenswert. Und das trotz widriger Umstände: Bei sintflutartigem Regen, gegen den mit XXL-Schirm und Gummistiefeln nur die Landschaftsarchitektin, die die Nordkirchen im RegenBegehung leitete, gewappnet war, stapften wir über aufgeweichte Gartenwege, bewunderten die neobarocke Venusinsel und die zahlreichen mit Formschnitt versehenen Grünpflanzen der Anlage. Uns konnte kein Wässerchen trüben – während Sturzbäche von den Knirpsen trieften, ignorierten vom stoischen Ostwestfalen bis zur temperamentvollen Costa Ricanerin alle das schlechte Wetter und lauschten interessiert den Erklärungen unserer Führerin.
Im Anschluss besichtigten wir das Schloss selbst, beginnend mit der privaten Kapelle über das Vestibül bis hin zum Tanzsaal. Echter Stuck, handgearbeitete Vertäfelungen und kostbare Seidentapeten führten zu dem ein oder anderen anerkennenden Nicken – hier ließ man es sich im 18. und 19. Jahrhundert ziemlich gut gehen! Im schlosseigenen Restaurant stärkten wir uns mit Kaffee und gewaltigen Stücken höchst schmackhaften Apfelkuchens, bevor es zurück nach Bielefeld ging, zur letzten Station des Ausflugs: Im Gasthof Seekrug am Obersee erwartete uns ein warmes Büffett.

Mein erster Betriebsausflug wird der letzte von Wilfried Eickmeier gewesen sein, der sich nun in den Ruhestand verabschiedet. Uns, seinen Kollegen, wird er fehlen. Dem kann Intendant Michael Heicks nur zustimmen: »Herr Eickmeier war über fast drei Jahrzehnte die gute Seele des Hauses.« Eickmeier selbst geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. In etwa zwanzig Jahren, die er für die Organisation des Betriebsausflugs verantwortlich zeichne, sei nie etwas schief gegangen. Nur in diesem letzten Jahr machte ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die ergiebigen Regengüsse konnten Eickmeiers Verdienst aber auch dieses Mal nicht schmälern: Mich hat er von meinem Wandertagstrauma der Schulzeit erlöst. Was mir als Teenager so widerwärtig war – die erzwungene Gemeinsamkeit, mit der ein ganzer Schuljahrgang mit bescheuertem Aktionismus Spaß haben und Zusammengehörigkeit proben sollte –, fand ich als Erwachsene erstaunlich wertvoll. Wann habe ich schon mal die Gelegenheit, mich mit Bühnentechnikern, Ankleidedamen oder Garderobieren zu unterhalten? Mein Job beim Theater spielt sich hauptsächlich vor dem Computerbildschirm ab und viele Kolleg_inn_en kenne ich nur vom Sehen aus der Kantine. Der Wandertag hat mir ermöglicht, mit Menschen anderer Abteilungen in Kontakt zu treten und einzelne Persönlichkeiten abseits jobbezogener Fragestellungen kennenzulernen.

Alle zusammen haben wir den Grundgedanken des Betriebsausflugs und damit auch das Motto der aktuellen Spielzeit gelebt – wir sind viele. Und wie viele wir wirklich sind, hat uns der Wandertag wieder gezeigt. Danke, Herr Eickmeier!

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Ein Kommentar:

  1. Hallo, Frau Bornkessel,
    ich wollte mich auf jeden Fall noch für Ihren Kommentar zum letzten Betriebsausflug bedanken. Wegen eines Urlaubs auf Usedom komme ich erst jetzt dazu. Ich habe die beschriebene Aufgabe im Theater mit Freude gemacht und denke an das Haus und die KollegInnen gern zurück.
    Danke und liebe Grüße
    W. Eickmeier

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