Warum die Geisteswissenschaften Häuser besetzen müssen

Alexander Schröder // Hospitant in der Dramaturgie Musiktheater und Konzert // Student der deutschsprachigen Literaturen und Musikwissenschaft an der Universität Paderborn

Der Weg aus den Geisteswissenschaften in das Prekariat wurde schon oft skizziert und muss eigentlich nicht weiter ausgemalt werden. Vielmehr muss darüber gestritten werden, ob dieser Zustand haltbar ist. Warum Absolventen der Geisteswissenschaften sich ihre Räume nehmen müssen, will ich in den nächsten Sätzen kurz anreißen.
In den geisteswissenschaftlichen Disziplinen bekommt man Methoden zur Hand gereicht, die zum Beispiel dazu bemächtigen, strukturell und analytisch zu denken oder Texte im weiteren Sinne schnell aufzunehmen und zu verarbeiten. Insgesamt Methoden, die zur Kritik und Reflexion befähigen. Die Geisteswissenschaften bieten besondere Räume, weil sie sprachlich arbeiten und ihre Ergebnisse ebenso sprachlich vermitteln. So kann man mittels Argumenten und Diskussionen Fakten weiterdenken, Positionen gegenüberstellen und reflektieren. Dass durch fehlende Wertschätzung der Geisteswissenschaften eine Krise der gesamten Wissenschaft entstehen kann, beschrieb schon Edmund Husserl zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Aphoristisch hält er fest: »Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen.« — und fasst so das Problem der rein positiven Wissenschaft zusammen. Es ist wichtig und wertvoll faktische Befunde weiterzudenken und zu reflektieren, um schlussendlich Möglichkeiten und Wege auch für Alltägliches zu entwickeln. Weil es aber Wenige gibt, die die Alternativen denken wollen, auch weil die Verhältnisse für Geisteswissenschaftler oft prekär sind, schwindet die radikale Kritik und der Raum diese zu formulieren. Trotzdem müssen sie solche Räume finden und besetzen: in der Universität, im Politischen, in der Wirtschaft und im kulturellen Betrieb.
Bildet das Theater einen solchen Raum? Das Konglomerat aus künstlerischer Praxis und wissenschaftlichem Fundament bietet viele Möglichkeiten, weil nicht belegt werden muss, ob etwas wahr oder falsch ist, nicht einmal, ob es realistisch ist, was auf der Bühne gezeigt wird. Erst werden Ideen diskutiert, dann kann man es ausprobieren und einmal durchspielen, weiterdenken und alternative Konzepte schmieden. Es kann soziales und sprachliches Laboratorium sein. Und am Ende kann es wegweisend für den Alltag sein, für den des Publikums genauso wie für den der Theaterschaffenden. Oder ist es anders und das Theater ist ein Ort für Entertainment? Kulturelles Erbe von Schiller oder Mozart wird durch eine moderne Lesart zugänglich gemacht und vermittelt und ist am Ende unterhaltsames Erbe. Ein Ort also, an dem ich mir vergangene Gedanken und Ideale vergegenwärtigen kann, dann aber anderenorts weiterdenken müsste. Ob das Theater den Raum für Kritik und Reflexion bildet, ob es also einer dieser Räume ist, die Geisteswissenschaftler besetzen müssen, hängt von der Frage ab, welche Aufgabe das Theater übernehmen will.
Ist die bloße Wiederaufführung des kulturellen Erbes die Aufgabe des Theaters, nimmt es bequem Platz und wird Teil eines geschlossenen Kreises, in dem alles stets damit beschäftigt ist, den eigenen Platz zu wahren, sich zu wiederholen, um sich selbst zu bestätigen. Es geht aber um mehr, als um die bloße Reproduktion von Altem. In einer Inszenierung werden Geschichten erzählt, die schon einmal erzählt wurden, und Gedanken gezeigt, die bereits gedacht wurden. Weil eine Inszenierung aber live auf der Bühne stattfindet, steht sie in direkter Interaktion mit dem Publikum und wird zum Erlebnis. Über diesen Erlebnischarakter gewinnt sie ihre Aktualität. Eine Inszenierung ist also immer etwas Reproduktives und etwas Aktuelles, sie ist Altes und Neues zur gleichen Zeit. Was das Theater also eigentlich ist und was es macht, ist nicht eindeutig zu klären und muss bei jeder Produktion erneut reflektiert, diskutiert und kritisiert werden. Das ist geisteswissenschaftliches Metier. Und weil man sich im Theater mit der Kunst trifft, ist es ein denkbar guter Ort für solche Kritik: Man kann sich von der formalen Logik verabschieden, ohne Falsches zu erzählen, man kann Alternativen zeigen, ohne utopistisch zu sein, man kann Konzepte entwickeln und sie einfach durchspielen. Deswegen ist das Theater ein Raum, den Geisteswissenschaftler besetzen müssen.

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