Zeitgeschenk

von Margarete Fiedler (Bassklarinette)

Mein Vormittag

Mein Wecker klingelt um 7:00. Die Sonne ist schon wach. Herrlich dieser Zustand zwischen Schlaf und „ganz hier sein“. Die reflektierte Wärme des Körpers von der Zudecke fühlt sich wunderbar an. Noch ein bisschen genießen…

Was ist heute? Langsam finde ich mich zurecht. Ah ja, der Himmel zeigt es: er ist klar und völlig frei von Kondensstreifen ziehender Flugzeuge. Es ist stiller… Jedes ist für sich…

Ich stehe auf, schnappe mir mein Springseil und gehe auf den Hof. Es packt mich eine knackig kalte Luft, aber die Sonne deutet ihre Wärmekompetenz schon an.

Mein Seil kennt seine Aufgabe: es legt seine Enden in meine Hände. Diese melden an die Handgelenke, Unter- und Oberarm „es geht los“. Schon spür‘ ich die erste Welle des Seils, sein Gewicht, es steigt und fällt- eins,- zwei,- drei… und da: ein Schwingen und Schwappen, ein Zwicken und Zwacken, Gelängtes, Gedrängtes … Ich erlebe mein Innenleben, elastische und festere Bereiche kommunizieren vom Scheitel bis zur Sohle (ein inneres Spektakel). Das Springen wird rund und leicht. Heute läuft‘s! 150 an einem Stück im ersten Durchgang („Angeber!“ ruft da jemand. – „Ruhe da oben“, entgegne ich).

Mein Morgenprogramm läuft und ich bin sein Zeuge.

Fertig! Jetzt bin ich irgendwie beides zugleich: das Landen der Füße auf dem Boden und das Loslösen, Abheben vom Untergrund. Ich liebe diesen Tagesanfang!

So, rauf und Frühstücken! Mein Müsliteller ist vorbereitet, der Tee fertig- (ja, ich werde verwöhnt!) hole noch Quark und Leinöl aus dem Kühlschrank. Es schmeckt.

Gedanklich macht sich die bevorstehende Übe-Klausur bemerkbar: welches Instrument nehme ich heute: Bass oder „Normale“? Was will ich üben? Ein bestimmtes dienstliches Werk brauche ich im Moment nicht vorzubereiten. Es geht um allgemeine Fitness auf dem Instrument: Töne aushalten, Tonleitern, Skalen, Dreiklänge auf verschiedenste Weise spielen. Klarinettenblätter durchmessen, nach Holzhärtegrad sortieren, die schlechten gleich weg (die nerven sonst nur), die anderen einspielen. Auf etwas Anderes habe ich auch noch Lust: Bach! – ja, Bach. Das Barocke fehlt mir zuweilen in der Klarinettenliteratur. Werde mir etwas aus den Partiten und Sonaten für Violine heraussuchen, mit wenig Doppelgriffen.

Nun ist es soweit: allein mit mir und dem Instrument. Vor der Tür ein Schild hingehängt: don‘t disturb. Thanks. Sich Vertiefen können mit Z E I T. Was für ein Geschenk!

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