Erst die Wanze oder erst das Wanzensystem?

»Erst das System«, sagt ein aufgeklärter Neuntklässler beim Workshop zur Produktion Der Hauptmann von Köpenick und begründet blumig, warum es in unserer Gesellschaft doch wirklich gut läuft und jeder sich entfalten könne, wenn er wolle. Das System stelle dafür beste Bedingungen und wenn einer nicht reinpasse, in dieses System, dann falle er halt durchs Sieb. Selbst schuld.
Da hebt eine Mitschülerin zaghaft die Hand und bemerkt, ob wir das nicht schon einmal so hatten? Das System – in dem ich mich nur anpassen muss, um zum allgemeinen Gelingen beizutragen und mir keine Meinung bilden muss, geschweige denn darf … und etwas wortkarg verließ der junge Mann, der sich seiner gerade noch so sicher war, die Bühne.
Als Theaterpädagogin sind es genau diese Momente, die mich begeistern. Es ist, als setze man etwas in Gang, als leiste man einen wesentlichen Beitrag – für die Menschen, die sich uns anvertrauen und die Gesellschaft im Allgemeinen. Erfahrungen, die bei uns gesammelt werden, bleiben ja nicht im Haus. Menschen, die zu uns kommen – ob als Zuschauer oder als Theateraktiver in Workshops, Fortbildungen und Produktionen, werden bewegt. Physisch und psychisch. Die Hirnwindungen geraten in Wallung, denn es gilt, das, was man tut, zu begründen. Es gilt, eine Meinung zu vertreten oder seine Sicht auf die Dinge in Szene zu setzen, – was natürlich auch diskutiert wird.
Letzteres wird seit einigen Jahren für die Schüler, die gelernt haben, sich an vorgegebenen Lösungen zu orientieren, um ressourcenoptimiert ihr Ausbildungsziel zu erreichen, immer schwieriger. Offene Aufgabenstellungen sind für diese Schüler ein wahres Kreuz – sie fragen immer nach dem was richtig ist – was ich gerne so beantworte: »Erst einmal das, was Du für richtig hältst.«
… und dann legen sie sich meistens doch ins Zeug und wir haben etwas, worüber es zu sprechen lohnt, etwas, das den Horizont erweitert. Hoffentlich!
Denn mitunter sind die Rückmeldungen der jungen Menschen erschreckend – neulich stimmten junge Männer mit unreflektiertem Revolutionspotential den Texten Spiegelbergs zu, der in unserer aktuellen Räuber-Inszenierung den Menschenfänger schlechthin gibt, hinter dem sich das Pack rottet, um dagegen zu sein, ohne eine Lösung anzubieten. Spiegelberg ist einfach cool, Georg Böhm als Spielgelberg in Schillers Die Räuberdas hat die Jungs beeindruckt. Und einige Mädchen haben schön mitgesungen, als sich Spiegelberg mit Westernhagens Freiheitslied auf Publikumsfang begab, und nur wenige haben das Prinzip der unvoreingenommenen Begeisterung für einen charismatischen Redner, der einem den Ballast des selbständigen Denkens abnimmt, bemerkt.
Grund genug, auch darüber noch einmal zu reden. Klar – die Schüler sind danach keine anderen, aber auch das war dann wieder ein Tag, an dem ich mit dem Gefühl nach Hause gegangen bin, etwas elementar Wichtiges getan zu haben. An dem ich eine Erfahrung ermöglicht habe, die sie im besten Fall bereichert.
Vor einiger Zeit beklagte sich ein Freund bei mir, dass zu viel Geld für die Kultur und zu wenig für die Bildung ausgegeben würde. Die Schüler seien zu schlecht – vor allem in den Naturwissenschaften – und er könne diesen ganzen Subventionsbetrieb Theater überhaupt nicht nachvollziehen. Schließlich fördere das in keiner Weise das ökonomische Wohlergehen der Stadt. Ich schilderte ihm mein Hauptmann von Köpenick-Erlebnis und weiß bis heute nicht, ob ihn das irgendwie überzeugt hat – aber für mich ist klar:
Erst die Wanze, dann das Wanzensystem.

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