»Die armen Sehenden!«

Theater für Blinde und Sehbehinderte – ein Selbstversuch

Als ich vor knapp einem Jahr meine Stelle als Vertriebsreferentin am Theater Bielefeld antrat, wusste ich zwar, dass Inklusionsangebote hier ein wichtiges Thema sind. Wie viele unterschiedliche Mittel und Wege es aber gibt, die Barrieren für Menschen mit Behinderungen bei ihrem Theaterbesuch zu verringern, überraschte mich dann doch. Besonders die Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte, bei der diese während ausgewählter Vorstellungen über einen Kopfhörer eine Live-Beschreibung durch die AudiodeskritptionsgerätProduktionsdramaturgen erhalten können, war für mich spannend. Wie kann man das Medium Theater, das neben seiner akustischen Komponente hauptsächlich visuell arbeitet, einer nicht sehenden Person veranschaulichen? Was gibt es zu beachten und wo entstehen eventuelle Hindernisse und Grenzen bei unserem Angebot? All das wollte ich in einem Selbstversuch herausfinden, indem ich als eigentlich sehende Person (abgesehen von meiner Kurzsichtigkeit) an der Audiodeskription zur Oper Die Zauberflöte teilnehme.

Die Einführung, die vor den Vorstellungen mit Audiodeskription traditionell in unserer Theaterlounge stattfindet, ist sehr gut besucht. 11 unserer 13 Audiodeskriptionsgeräte, die im Vorfeld kostenlos reserviert werden können, sind ausgeliehen, Nummer 12 geht an mich. Es ist zwar nicht gerade kleidsam, aber zweckmäßig, was in diesem Fall die Hauptsache ist. Inklusive Begleitpersonen ist die Theaterlounge bis auf den letzten Platz besetzt. Bei einer der erfolgreichsten Opern der Welt ist dieser Andrang nicht verwunderlich. Die Einführung hält mein Kollege Dr. Daniel Westen, Dramaturg für Musiktheater und Konzert, der auch die anschließende Audiodeskription von der Tonkabine aus übernehmen wird. Da er die Produktion begleitet hat, kann er als Experte für die Inszenierung im Vorfeld nicht nur Grundsätzliches zur Oper und ihrer Handlung berichten, sondern auch grundlegende Informationen zum Bühnenbild geben: Welche Farben und Formen dominieren, wie wird sich die Bühne im Verlauf der Vorstellung verändern und vor allem: Warum machen wir das alles so?

Leider ist einer der Haupdarsteller erkrankt und muss die Vorstellung mit einer fiebrigen Erkältung bestreiten. Deshalb mache ich eine Ansage auf der Bühne, um das Publikum über die Einschränkung zu informieren. Damit löst sich auch gleich die Frage, wie ich die Vorstellung  so realistisch wie möglich als »Blinde« erleben kann und nicht der Versuchung erliege, doch auf das Bühnengeschehen zu blicken. Ich bleibe nach der Ansage im Foyer und lausche der Vorstellung von dort aus.

Von dem, was ich nun in den nächsten Stunden zu hören bekomme, bin ich tief beeindruckt: Die Beschreibungen meines Kollegen decken sich sehr genau mit dem, was ich aus meinen Vorstellungsbesuchen optisch in Erinnerung habe, er formuliert kurz und präzise, was auf der Bühne zu sehen ist und geht, wenn es nötig ist, auf Bühnenbild, Videoprojektionen und die Kostüme der Darsteller ein. Bei dieser Audiodeskription gibt es kein Skript und keine Notizen, Daniel Westen schildert die optischen Eindrücke eins zu eins, wie er mir vorher erklärt hat. »Das ist sehr praktisch, weil man sofort reagieren kann, wenn mal jemand etwas anders macht als sonst.« sagt er. Vor allem macht es die Audiodeskription sehr lebendig und an manchen Stellen kann der Kollege sich einen kleinen Kommentar nicht verkneifen. Trotzdem bleibt das Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich, um den Teilnehmern die Gelegenheit zu geben, die Musik zu genießen. Zudem hat man jederzeit die Möglichkeit, den Audiokommentar abzuschalten und sich später wieder einzuklinken, ohne danach völlig verloren zu sein. Unverzichtbar ist der Audiokommentar natürlich an Stellen, an denen sich Komik nur visuell transportiert, wenn z. B. Tamino eine dankende Geste an die Flötistin im Orchestergraben richtet.
Nach knapp 3 Stunden ist die Vorstellung beendet, Daniel Westen erklärt noch die Applausordnung, damit die Teilnehmer wissen, wem der frenetische Jubel gilt.

Nachdem ich die Vorstellung nun sowohl optisch als auch rein akustisch erlebt habe, bin ich der Meinung, dass dem Publikum, das an der Audiodeskription teilgenommen hat, so gut wie nichts entgangen ist. Meine Erwartungen sind interessanterweise fast vollends erfüllt worden. Trotzdem hat dieser besondere Theaterbesuch mein Gespür dafür geschärft, welche sonst so selbstverständlichen Dinge für eine nicht sehende Person besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Wenn man hierauf Rücksicht nimmt, kann das Theater auch ohne seine optischen Eindrücke eine enorme Kraft entwickeln.
Beim anschließenden Nachgespräch sind sich fast alle einig: Der Live-Kommentar während der Aufführung ist nicht nur hilfreich, manchmal fühlt man sich den Sehenden sogar einen Schritt voraus. »Die Musik ist ohnehin das Wichtigste.« schwärmt eine Teilnehmerin. Die Fragen, die dem Dramaturgen nun gestellt werden, sind nicht der Tatsache geschuldet, dass die Teilnehmer der Audiodeskription das Stück visuell nicht erfassen konnten; es sind meist Verständnisfragen zur Inszenierung, die eine sehende Person genauso hätte stellen können. Eine junge Frau in der Runde merkt zufrieden an: »Es ist wirklich toll, dass es am Theater Bielefeld eine Audiodeskription gibt. Manchmal denke ich mir: Die armen Sehenden!«

Die nächsten Termine mit Angeboten für Blinde und Sehbehinderte in dieser Spielzeit findet Ihr auf unserer Homepage.

 

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