Der Terror und wir

Paris, Istanbul. Woran denkst du?

Der Terror ist spätestens am 11. September 2001 zum Thema unserer Generation geworden. Längst beschränkt er sich nicht mehr auf sogenannte »Krisengebiete«: Die Vorfälle in Hannover und München zeigen, dass er jederzeit überall seinen Schaden anrichten kann.
Wir haben Angst. Wir wollen Sicherheit. 2005 wurde das sogenannte Luftsicherheitsgesetz verabschiedet – das dem Staat unter anderem erlaubt, eine von Terroristen entführte Maschine abzuschießen, auch wenn sich Unschuldige an Bord befinden, um Schlimmeres zu verhindern. 2006 erklärte das Bundesverfassungsgericht diesen entscheidenden Paragraphen für nichtig: Menschen dürfen vom Staat nicht zum Objekt gemacht werden. Leben dürfen nicht gegen Leben abgewogen werden. Denn: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Juristisch ist der Fall, der ab dem 30. Januar auf der Bühne des Theaters Terror_SchirachBielefeld verhandelt wird, also eigentlich klar. Lars Koch, Major der Luftwaffe, hat gesetzeswidrig gehandelt, als er eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord gegen die Anweisung seiner Vorgesetzten abschoss. Er verhinderte damit, dass die Terroristen, die das Flugzeug in ihrer Gewalt hatten, ihren Plan umsetzen konnten: Die Maschine in ein mit 70.000 Menschen vollbesetztes Fußballstadion zu steuern. Warum sollte man sich das Stück trotzdem ansehen?
Wenn es »nur« um Rechtsprechung ginge, wären wir nicht im Theater. Im Zentrum steht etwas viel Grundlegenderes: Können wir, als Gesellschaft, Lars Koch einen Vorwurf machen? Ist er moralisch schuldig? Und, allgemeiner: Wie verändert der Terror unsere Werte? Und, letztendlich: Wie wollen wir in Zukunft leben? Diese Dimension des Stückes, das »leider extrem mit unserer Zeit zu tun hat« (Michael Heicks, der das Stück inszeniert), hat mich sofort gepackt.

Es geht viel weniger um den Terror, als um uns. »Wir müssen uns damit abfinden, dass wir in einer Welt leben, in der das Unvorstellbarste und Schrecklichste längst Realität geworden ist« , stellt der Verteidiger Biegler zu Beginn der Verhandlung fest. Was er damit meint: Wir können uns der Realität nicht entziehen. Wir müssen unsere Gesetze überdenken, unsere Moralvorstellungen hinterfragen. Uns positionieren, angesichts einer Bedrohung, die uns an den Rand unserer Vorstellungskraft bringt. Und deshalb ist Terror kein gewöhnliches Theaterstück. Die Zuschauer müssen sich entscheiden: Schuldig oder nicht schuldig? Wie in Gerichtssälen die Schöffen bestimmt hier das Publikum mit seinem Urteil den Ausgang des Stücks. Enthaltungen bzw. Passivität sind, anders als häufig im echten Leben, nicht möglich – ein zweiter Aspekt, der es für mich spannend macht. Terror ist auch eine Anleitung (ich würde sagen, eher ein Tritt in den Hintern) zum politischen Denken. Und eine Ermunterung zur Diskussion. Was, wenn der Ehemann den Theatersaal durch die mit »schuldig« markierte Tür verlässt, seine Ehefrau sich aber für »nicht schuldig« einsetzt? Dann passiert genau das, was Theater will: Gedanken anregen über den Abend hinaus. (Auch wenn die Diskussion über dieses weite Feld wohl nie abgeschlossen werden kann.)

wir sind viele: An 19 deutschen Theatern wird Terror von Ferdinand von Schirach in der Spielzeit 15/16 gespielt, weitere werden in der Spielzeit 16/17 folgen. Das sind eine ganze Menge Schöffen, die ihr Gewissen befragen, ihre Überzeugungen überdenken und gemeinsam an einer Idee feilen, wie wir dem Terror in Zukunft begegnen können. Was in den Köpfen von fünf dieser Schöffen nach dem Besuch des Stücks vorgeht, lest Ihr nächste Woche hier auf dem Blog!

Von Britta Zachau

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