Und es hat »Zoom« gemacht

Wir befinden uns in einem Zoom-Raum und sehen eine Frau und einen Mann, jeweils in ihrem eigenen Kästchen, jeweils in ihrem eigenen Zimmer. Beide sitzen seitlich, sie blickt nach links, er nach rechts und es entsteht die Illusion, dass sie sich anschauen. Eine Stimme aus dem Off erzählt eine Liebesgeschichte und das Paar macht dazu Bewegungen der Zuneigung, Nervosität und Enttäuschung. Obwohl sich die beiden nicht sehen, scheint es als würden sie miteinander kommunizieren und sich letztendlich verfehlen.

Dies ist eines der Zwischenergebnisse unserer Projektreihe Parallele Welten, bei der selbst geschriebene Texte mit tänzerischen Bewegungen fusionieren. Wegen der aktuellen Corona-Situation fanden die bisherigen Treffen nur digital statt.

Teilnehmer:innen bei den Zoom-Proben

Ich freue mich, dass ich ein Teil dieses Projektes bin. 2019 und 2020 habe ich bei den Community-Tanz-Projekten Schrittmacher am Theater Bielefeld mitgemacht, bei denen ich sogar kleine Duett- und Soloparts übernommen habe. Vorher habe ich tanzen gehasst (dank einer bestimmten Sportlehrerin, aber das ist eine andere Geschichte) und musste bei Schrittmacher des Öfteren über meinen Schatten springen. Und genauso ist es jetzt auch bei Parallele Welten: Das Tanzen ist mir jetzt vertraut und macht mir Spaß, aber das Schreiben und Vortragen eigener Texte vor einer großen Gruppe kosten mich sehr viel Überwindung (dank eines strengen und kritischen Deutschlehrers, aber das ist eine andere Geschichte).

Schnell habe ich gemerkt, dass mir die kreativen Schreibübungen von Martina sehr viel Spaß machen und ich habe bereits einige Liebesgeschichten geschrieben, wie beispielsweise eine zwischen einem Hamster und einer Schildkröte, die Liebesbeziehungen von Menschen mit unterschiedlichen Kulturen widerspiegeln soll. Das Schöne an diesem Projekt ist die gesamte Gruppe: Wir hören einander aufmerksam zu, geben wertschätzend Feedback und kreieren einen Raum, in dem auch ich den Mut finde mich mit meinen Texten zu öffnen. So sind  von allen schon Dialogfragmente, Gedichte, Kurzgeschichten, Songs, Drehbücher und sogar ein interaktiv-virtueller Ausstellungsraum mit unseren Texten, die von einem fiktiven Kurator kommentiert werden, entstanden. Manche Liebesgeschichten sind autobiografisch, romantisch, unterhaltsam, traurig oder skurril, alle so einzigartig wie wir selbst.

Obwohl ich jetzt über einige Tanzerfahrung verfüge, stellt der tänzerische Teil, der von Gianni angeleitet wird, über Zoom eine besondere Herausforderung dar. Wir haben Bewegungen zu den Themen »Erstes Date«, »Aufregung« und »Selbstpräsentation« erarbeitet, die Gianni zu einer Choreografie verwoben hat und lernten die Bewegungsabfolge zu Madeleine Peyroux´s Version von dem Lied »Dance me to the end of love«, was sich als schwierig erwies, da wir Gianni spiegelverkehrt oder zeitverzögert auf unseren Bildschirmen sahen.

Die Tanzeinheiten von Gianni sowie die Schreibimpulse von Martina ergeben eine gelungene und abwechslungsreiche Mischung und ich sehne den Moment herbei, an dem ich meinen Laptop auslassen kann, um mich mit der herzlichen Gruppe persönlich in den Theaterräumlichkeiten zu treffen. Denn im richtigen Leben schalten wir uns nicht mit einem Knopfdruck stumm, wenn jemand ein kreatives Ergebnis präsentiert, sondern wir drücken durch kleine verbale und körperliche Reaktionen unsere Wertschätzung aus. Dennoch machen wir gerade das Beste aus der Situation und ich spüre die heranwachsende Verbundenheit zwischen allen Teilnehmer*innen. Es hat auf jeden Fall »Zoom« gemacht.

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