Gurbet … oder die Suche nach dem Heimweh

Als ich das erste Mal in der Konzeptionsprobe der Inszenierung »Ellbogen« mit Hazals Geschichte konfrontiert wurde, kam mir Hazal sehr fremd vor. Klauen, Alkoholmissbrauch, Gewalt … Ihr Leben lässt sich kurz und schmerzvoll ablesen. Obwohl wir einen ähnlichen Lebenshintergrund haben, konnte ich anfänglich nicht mit ihr anknüpfen. Meine schnelle Schlussfolgerung: Sie ist verantwortlich für ihre Taten. Wieso sollte ich mit ihr Mitgefühl empfinden? Erst als ich mich dann in das von Fatma Aydemirs geschriebene Buch vertieft habe, wurde mir etwas klar vor Augen. Hazal und ich haben viel mehr gemeinsam als ich zuerst gedacht habe. Wir beide sind auf der ständigen Suche. Unser Ziel: Endlich irgendwo ankommen.

Ein Begriff, was unser beider Gefühlszustand beschreiben könnte … Gurbet. Ein sehr emotional geladener Begriff im Türkischen. Ins Deutsche „in die/der Fremde“ verliert es die ursprüngliche Bedeutung. Es beinhaltet vielmehr die Sehnsucht nach der Heimat, nach der Geliebten oder dem Leben. Wir verbinden den Begriff oft mit dem klassischen Auswanderer. Ein Mann, der sein Dorf verlässt, weil ihm in der Großstadt bessere Lebensumstände erwarten. Für Hazal und mich hingegen ist dieses Gefühl an keinem Ort festzumachen. Sie ist in Deutschland geboren, fühlt sich dennoch fremd und sie hofft an einem anderen Ort Geborgenheit und Selbstbestimmung zu finden. Diese Suche ist auch für mich nicht abgeschlossen. Aber ich versuche nicht wie Hazal einen »Fluchtort« zu finden. In dem Ort, wo ich derzeitig lebe, versuche ich in meiner derzeitigen Lebenssituation das Beste raus zu holen. Aber für mich heißt es klar, dass Ich mich mich nie zwischen Heimat und nicht-Heimat entscheide werde. Mein Gurbet ist wohl eher ein Sammelort von allen Eindrücken in meinem Leben; ein Ort, wo ich mich selbst reflektieren kann und Erfahrungen aus einem anderen Blickwinkel aus betrachten kann. Und da ist es für mich ganz egal, ob ich mich gerade in Deutschland oder in der Türkei befinde. Gurbet versuchen wir also beide auf verschiedene Art in uns selbst zu finden. Ein Teil unserer beiden Welten nehmen wohl größtenteils unsere Freunde ein.

Je nachdem wie intensiv die Beziehung zu Ihnen ist, spielen Freunde eine sehr große Rolle bei der Selbstfindung und –betrachtung. Die Freundschaft zwischen Hazal und ihren Freundinnen ist etwas wirklich Schönes. Sie sind wild, jung und voller Energie. Sie sind für sie ein Ventil für die angestaute Wut, oft durch Ablenkungen hervorgerufen. Ich kann mich mit meinen Freunden auch ungezwungen benehmen, jedoch haben diese mich gleichzeitig auch geerdet und motiviert. Ich habe auch meist Freundinnen, die in ähnlichen Lebensumständen aufgewachsen sind wie ich. In Deutschland geboren mit Migrationshintergrund und aufgewachsen in einer recht liberal-konservativen Familie. Auch sie mussten sich in mehreren Kulturen einleben und einiges härter erkämpfen als Andere, dadurch aber konnten wir uns austauschen und gegenseitig helfen.

Es gab für mich eine Gruppenzugehörigkeit, zu der ich mich früh bekennen sollte: »Türkin« oder »Deutsche«. In Schubladen gesteckt zu werden war für mich keine Seltenheit. Entweder wurde ich zu diversen türkischen Themen angesprochen, wo ich angeblich als Expertin empfunden wurde oder ich war für die Türken viel zu deutsch, wenn ich wieder mal bei meinen Sprachkenntnissen versagt habe oder zu wenig mit gleichaltrigen Türken zu tun hatte. Ich werde, ohne dass Einige es vielleicht beabsichtigen, ausgegrenzt. Das ist oft frustrierend und manchmal frage ich mich, warum die Gesellschaft unbedingt darauf abzielt, dass man sich in einer Sache klar festlegt. Dieses gestaltet sich insbesondere im erzieherischen Kontext als spannungsgeladen. Eltern versuchen ihre Kinder, die sich schneller als sie selbst in die Mehrheitskultur anpassen, durch strenge Hand zu erziehen. Diesen Aspekt kann ich persönlich nachvollziehen, da ich ja selbst in einer solchen Familie aufgewachsen bin. Jedoch sah ich diese als unterstützend. Ich habe deswegen mein Gleichgewicht zwischen dem »Deutsch«-Sein und dem »Türkisch«-Sein besser finden können, da meine Eltern und mein Freundeskreis um mich herum nie versucht haben, Druck auf mich auszuüben. Statt mich für eine Seite zu entscheiden, nehme ich von beiden Seiten meine Einflüsse und Erfahrungen mit. Das heißt, ich mache mir keine Sorgen, wenn ich meine Mutter um Hilfe frage bei der Suche nach einem passenden Dirndl für das Oktoberfest oder wenn ich genau dort wiederum freiwillig auf die lecker aussehenden Bratwürste verzichte. Für mich gibt es einfach kein »Entweder-Oder« mehr, sondern nur noch »Sowohl-als-Auch«.

Hat dir gefallen, was du gelesen hast?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.